"Alle Toten fliegen hoch" – so nannte Joachim Meyerhoff eine mehrteilige Leseperformance, die er bereits Mitte der Nullerjahre am Wiener Burgtheater herausbrachte und die eine Art Rohfassung seiner späteren Erfolgsromane war. "Alle Toten fliegen hoch" – das verweist auf den Kern dieses Erzählprojekts: Meyerhoffs Bücher sind Séancen: Beschwörungen verstorbener, dem Autor nahestehender Menschen, die er literarisch wiederauferstehen lässt. "Ach, diese Lücke" zum Beispiel ist den Großeltern gewidmet.
Bizarrer Alltag bei den schrulligen Großeltern
Joachim zieht mit 20 aus dem heimischen Schleswig-Holstein nach München, um die Schauspielschule zu besuchen. In der Zeit wohnt er bei den Großeltern und pendelt nun zwischen zwei gleichermaßen bizarren Welten.
Da ist einerseits die altmodisch-mondäne Villa der Großeltern, zwei so belesen-gebildet wie liebenswert schrullige Menschen, die bizarre Rituale entwickelt haben, etwa wie sie ihren Tagesablauf durch Alkohol strukturieren: Morgens im Bad Gurgeln mit Schnaps ohne Ausspucken, dafür mit Runterschlucken, zum Frühstück ein Glas Champagner, mittags Weißwein, Whiskey um Fünf und abends Rotwein.
Und andererseits die Schauspielschule, wo Joachim lernen soll "mit den Brustwarzen zu lächeln" oder eine Szene aus Fontanes "Effi Briest" als Nilpferd zu spielen.
Bruno Alexander als Joachim Meyerhoff mit seinen Großeltern, gespielt von Michael Wittenborn und Senta Berger
Wer spielt in "Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke" mit?
Als Erzähler ist Joachim Meyerhoff ein Meister der Überzeichnung. Simon Verhoeven macht nicht den Fehler, das in überdrehte Leinwandkomik zu übersetzen. Der Film ist mit untrüglichem Sinn fürs Skurrile inszeniert, dabei aber eher mit leisem Humor und vor allem mit feinem Gespür für den melancholischen Unterton der Vorlage.
Die Kulisse der großelterlichen Villa – vollgestopft mit schweren Teppichen, alten Möbeln und Nippes – ist ebenso liebevoll gestaltet wie die Figuren. Hinreißend: Michael Wittenborn als Großvater Hermann, Typ zerstreuter Professor. Ihm um nichts nachstehend: Senta Berger als Großmutter Inge, die selbst einst Schauspielerin war. Berger verbindet die Grandezza der gealterten Diva mit dem Mut, Altersgebrechlichkeit zu zeigen.
Und nicht zuletzt: der 26-jährige Bruno Alexander als Joachim, in dessen so hellwachen wie traurigen Augen sich tiefe Sehnsucht ebenso ablesen lässt wie die heillose Überforderung im Schauspielschulalltag.
Simon Verhoeven: Verfilmung als Liebeserklärung an die Mutter
Joachim wird die Lücke zwischen – um den Großvater zu zitieren – "uns und dem, was wir wollen" schließen, als er Goethes "Werther" als Soloperformance erarbeitet und damit endlich ganz zu sich findet. Meyerhoff erzählt aber eben auch von der Lücke, die Menschen nach ihrem Tod hinterlassen.
Und so wie er mit dem Buch den Großeltern ein Denkmal gesetzt hat, spürt man in Simon Verhoevens Verfilmung, dass die eine Liebeserklärung an seine Mutter ist (die mittlerweile 84-jährige Senta Berger, die hier nun eine Hauptrolle spielt), und damit indirekt auch eine Hommage an den eigenen Vater, den 2024 verstorbenen Filmemacher Michael Verhoeven. Die Lücke, die die Toten hinterlassen, bleibt entsetzlich. Aber die Erinnerung kann den Schmerz lindern. "Alle Toten fliegen hoch" – das gelingt diesem so vergnüglichen wie berührenden Film auf wunderbare Weise: die Verstorbenen hochleben zu lassen.
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