"Natürlich versuchen sie, die Lage in unserem Land zu destabilisieren und negative Stimmung zu schüren", so der russische Ex-Präsident Dmitri Medwedew über Gerüchte [externer Link], wonach der Kreml unmittelbar nach den Parlamentswahlen vom 18. bis 20. September mangels Soldaten eine weitere Zwangsrekrutierung plane.
"Die Versuche des Feindes, Unsinn über eine bevorstehende Mobilmachung zu verbreiten, sind nichts weiter als eine hinterhältige Provokation", so Medwedew, nach dessen Angaben im ersten Halbjahr 2026 rund 200.000 Interessenten Verträge auf Zeit beim Militär unterschrieben haben, weitere 16.000 hätten sich "freiwillig" gemeldet.
Für Putin ist das Thema Mobilisierung hoch brisant, da er für diesen Fall mit einer (weiteren) Massenflucht junger Männer ins Ausland rechnen müsste, was sein Ansehen massiv beschädigen dürfte. Außerdem wäre es ein Signal, dass dem Kreml das Geschehen an der Front zunehmend entgleitet.
"Völlig verantwortungslose Rhetorik"
Grund für Mobilisierungs-Gerüchte sind nicht zuletzt aktuelle Äußerungen russischer Ultra-Patrioten und Radikal-Propagandisten wie Alexander Dugin (100.000 Telegram-Abonnenten). Er präsentierte seinen Fans ein bizarres Gleichnis [externer Link]: "In einem Ameisenhaufen arbeitet nur ein kleiner Teil der Ameisen tatsächlich, während der Rest lediglich den Anschein von reger Aktivität erweckt. Sobald die arbeitenden Ameisen ausgesondert werden, legen einige dieser Faulpelze sofort los. Mir scheint, dass diese Ameisen in der Reserve, die derzeit untätig sind, mobilisiert werden, sobald die Hauptarmee erschöpft ist."
Dugin tadelte "seltsame Reden" von Kremlpolitikern, wonach "alles in Ordnung" sei: "Das ist eine völlig verantwortungslose Rhetorik. Wir führen einen direkten, frontalen Zivilisationskrieg mit dem Westen, den wir nicht vollständig verstehen und noch nicht als unseren wahren Feind erkannt haben. In einem solchen Dämmerzustand zu kämpfen, ist lebensgefährlich."
"Risiko ist nicht gleich null"
Politikberater Ilja Graschtschenkow zeigte sich von den Beschwichtigungsversuchen des Kremls nicht wirklich beruhigt [externer Link]: "Die Mobilmachung hat sich als eine der politisch gefährlichsten Entscheidungen der letzten Jahre erwiesen. Sie ist nicht länger nur eine abstrakte Möglichkeit, sondern beträfe praktisch jede Familie und zwingt die Menschen, sich unmittelbar mit dem Kriegs-Geschehen auseinanderzusetzen. Daher wird der Staat dieses Instrument nur in wirklich kritischen Situationen einsetzen."
Infotafel
Vorerst werde Putin versuchen, die Armee mit "bestimmten Gruppen von Strafgefangenen" aufzufüllen, vermutete Graschtschenkow: "Daher sollte das Risiko einer Massenmobilisierung heute als gering eingeschätzt werden, aber nicht als gleich null, da die rechtliche Möglichkeit besteht und die endgültige Entscheidung primär von der Entwicklung der Lage an der Front und der Intensität der Angriffe auf das russische Hinterland abhängen wird."
"Nach dem Wahlkampf fallen Zwänge weg"
Einer der anonymen russischen Polit-Blogger argumentierte, bei einer Mobilisierung gehe es nicht um "Gerüchte", sondern um die "Logik der Entwicklung an der Front": "Sollte der Konflikt andauern, rückt die Frage der Armee-Aufstockung unweigerlich wieder in den Vordergrund. Nach dem Ende des Wahlkampfs werden die politischen Zwänge wegfallen. Dann wird die Aufrechterhaltung der Stabilität nicht mehr Priorität haben, sondern die Notwendigkeit, Entscheidungen zu treffen, die derzeit lieber nicht öffentlich diskutiert werden."
"Zuverlässigstes System gerät manchmal ins Wanken"
Wirtschaftskolumnist Dmitri Drise macht sich derweil Sorgen um die Kampfbereitschaft seiner Landsleute [externer Link]. Den Russen sei es "offenbar egal", wem sie folgten: "Angesichts der russischen Tradition und Geschichte besteht die Gefahr, dass sich aus den Reihen des Volkes einige einflussreiche Führer herauskristallisieren, die die Massen lenken. Bislang konnte dies erfolgreich verhindert werden. Doch selbst das zuverlässigste System gerät manchmal ins Wanken."
Publizist Juri Dolgoruki zeigte sich ebenfalls skeptisch [externer Link]: "Wenn es um den Zusammenhalt untereinander geht, dann ist unser Volk mehr als geeint. Wenn es um den Zusammenhalt mit der Regierung geht, gibt es, wie man so schön sagt, einen kleinen Unterschied. Um sich als Teil von etwas zu fühlen, müssen die Menschen sehen, dass ihre Mitwirkung gewürdigt wird. Die Menschen übernehmen bereitwillig Verantwortung, wenn sie zuvor selbst diese Entscheidung getroffen haben."
Der "gesellschaftliche Zusammenhalt" werde "von oben aufgezwungen", heißt es bei einem weiteren Kommentator [externer Link]: "Die Angst vor einer weiteren Einberufungswelle bleibt ein entscheidender Faktor der Sozialisierung, da sich die Menschen trotz aller offiziellen Beteuerungen der hohen Wahrscheinlichkeit bewusst sind, in ein Kriegsgebiet geschickt zu werden."
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