"Tokajew versteht weder die Natur noch die Ursachen des Konflikts zwischen Russland und der Ukraine. Mit anderen Worten: Er weigert sich im Wesentlichen, Moskaus zentrale Darstellungen zu diesem Thema zu glauben", so der russische Politologe Georgi Bovt [externer Link] zu einer aufsehenerregenden Rede des kasachischen Präsidenten: "Das ist das erste Mal, dass einer von Moskaus Verbündeten öffentlich so detailliert Stellung nimmt zu diesem Thema, und er sagt dies dem russischen Präsidenten ins Gesicht."
Bei einem kasachisch-russischen Spitzentreffen in Omsk hatte Qassym-Schomart Tokajew seine "bescheidene Meinung" zu Putins Angriffskrieg auf die Ukraine geäußert [externer Link] und erklärt, "vielen sei der Charakter des Konflikts unklar". Es gebe jetzt die Gelegenheit, die "ganze Angelegenheit ruhen zu lassen".
"Es ist beschämend, dass junge Menschen sterben; sie sind das Erbe der Bruderstaaten Russland und Ukraine. All dies muss gestoppt werden, denn was hier geschieht, spielt meiner festen Überzeugung nach den Feinden Russlands und der Ukraine in die Hände und bereitet ihnen Vergnügen", so Tokajew.
"Vorsichtiges, kollektives Zeichen" der russischen Elite?
Nach Mitteilung von Kreml-Sprecher Dimitri Peskow soll Putin darauf hinter geschlossenen Türen mit einer ausführlichen Schilderung angeblicher militärischer Erfolge an der Front geantwortet haben, wie die Nachrichtenagentur Interfax berichtete [externer Link].
Einer der mit 422.000 Fans größten Polit-Kanäle Russlands spekulierte [externer Link], die russischen Eliten hätten Tokajew insgeheim gebeten, sich in dieser Deutlichkeit an Putin zu wenden. Grund für diese Vermutung: Tokajew selbst hatte bemerkt, er sei von dritter Seite gebeten worden, "diese Informationen weiterzugeben".
"In den letzten Monaten suchten prominente russische Geschäftsleute regelmäßig Tokajew auf", so dieser Kommentator: "Angesichts der Probleme durch die ukrainischen Angriffe auf die Infrastruktur des russischen Ölverladehafens Noworossijsk ist es möglich, dass der Appell an Putin ein vorsichtiges, kollektives Zeichen ist, um inmitten der sich verschlechternden Wirtschaftslage einen erneuten Versuch zu unternehmen, an den Verhandlungstisch in Istanbul zurückzukehren."
"Schmeicheln und zubeißen"
Publizist Fedor Krascheninnikow zweifelte an dieser Version [externer Link]: "Tokajew ist zweifellos ein Diplomat – er kann sowohl schmeicheln als auch zubeißen. Ich bin noch nicht bereit zu glauben, dass Tokajew sich auf Geheiß irgendeiner russischen Elite so sehr engagiert, aber wenn Donald Trump ihn darum gebeten hätte, konnte Tokajew sich diese Gelegenheit, seine Meinung kundzutun, sicherlich nicht entgehen lassen."
Ganz anders Politikberater Alexander Semenow. Er amüsierte sich darüber [externer Link], dass der Kreml sich wohl gar nicht vorstellen könne, dass Tokajew keine "Einflüsterer" hatte und tatsächlich seine eigene Meinung vorgetragen habe. Putins Umkreis sei augenscheinlich noch den alten, bipolaren Denkmustern aus der Zeit des Kalten Kriegs verhaftet.
Infotafel
Der St. Petersburger Politologe Michail Winogradow scherzte ironisch [externer Link]: Tokajew habe sich geschickt zwischen "Fälschungen und Diskreditierungen" der russischen Armee bewegt, zwei der aktuell häufigsten Straftatbestände in Russland.
"Tokajew sagt, was viele sich nicht trauen"
Journalist Dimitri Borisenko [externer Link] schrieb: "Tokajew sagte Putin, was viele sich nicht trauen, laut auszusprechen." Der kasachische Präsident habe "Mut bewiesen" und mit seinem Auftritt "Würde, Unabhängigkeit und gesunden Menschenverstand" vereinigt.
"Er belehrte Putin nicht, versuchte nicht, ihn zu demütigen und erhob keine pauschalen Anschuldigungen", so Borisenko, "aber er machte einige grundlegende Punkte unmissverständlich klar: Dies ist kein Bürgerkrieg, die Ukraine ist ein unabhängiger Staat, das ukrainische Volk, seine Sprache und Kultur verdienen Respekt, und die Kämpfe müssen aufhören."
"Russland hat keine Truppen zum Drohen"
Publizist Nikolai Mitrokin meinte [externer Link]: "Tokajews Worte an Putin in Omsk sind ein schwerer Schlag. Kasachstan ist für seine Ölexporte eigentlich auf Russland angewiesen. Doch inzwischen ist es in dieser Hinsicht nicht weniger abhängig von der Ukraine, und diese Exporte sind infolge des ukrainischen Vorgehens zum Erliegen gekommen. Russland verfügt allerdings weder über Truppen noch über die politische Macht, mit der es drohen könnte. Kurz gesagt, Putin hat heute Abend viel zu überdenken."
Fazit von Politologe Dmitri Michailitschenko [externer Link]: "Das sorgt für Dramatik und Schlagzeilen, hat aber keinerlei Einfluss auf die Logik des diplomatischen, militärischen oder politischen Handelns. Ein aufwühlendes, aber trügerisches Spiel."
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