Für den Kreml-Propagandisten und Politologen Sergei Markow ist alles ganz einfach [externer Link], wenn es um die Personalprobleme der russischen Armee geht: "Sinkt die Zahl der Freiwilligen, erhöhen die Gouverneure einfach geringfügig die Antrittsprämien. Es gibt strenge Rekrutierungs-Quoten für die Regionen, die überall eingehalten werden." Zuvor hatte der russische Ex-Präsident Dmitri Medwedew, der von Putin zum Beauftragten für die Rekrutierung ernannt worden war, in einem Interview behauptet [externer Link], allein in diesem Jahr hätten bereits 80.000 Russen Verträge mit dem Militär unterschrieben. Im vergangenen Jahr seien rund 422.000 Freiwillige rekrutiert worden, bis 2024 seien es rund 450.000 gewesen.
Mit solchen Meldungen will der Kreml die Bevölkerung beruhigen, die sich vor einer weiteren (Zwangs-)Mobilisierung ängstigt. Die stehe "nicht auf der Tagesordnung", versicherte Kremlsprecher Dmitri Peskow [externer Link]. Die Frage ist allerdings, wie lange sich Putin noch leisten kann, Freiwillige mit immer höheren Antrittsprämien und üppiger Besoldung anzuwerben.
"Es wird nicht genug Geld geben"
Dmitri Beloussow, Ökonom am Zentrum für makroökonomische Analyse und Kurzfristprognosen (CMASF), erwartet wegen der vergleichsweise großzügigen Bezahlung der Frontsoldaten die Entstehung einer neuen sozialen Klasse von "jungen Reichen" [externer Link]. Die seien bei der Geldanlage weniger risikoscheu als andere und würden als "Patrioten" womöglich in die Rüstungs- und IT-Branche investieren.
Politologe Wladislaw Inosemtsew argumentiert dagegen [externer Link], der Kreml sei "in eine Falle getappt", weil er den Soldaten das Dreifache des russischen Durchschnittslohns bezahle. Üblicherweise liegt der monatliche Sold der Freiwilligen bei umgerechnet über 2.200 Euro. Der kremlkritische Inosemtsew vermutet, dass der russische Staatshaushalt jährlich rund 45 Milliarden Euro für die Personalausgaben der Armee aufwenden muss, einschließlich der sogenannten "Sarggelder" von umgerechnet rund 50.000 Euro, die beim Tod von Freiwilligen an deren Angehörige ausgezahlt werden.
"Wenn das stimmt, dann wird es nicht genug Geld geben, um die Armee zu verdoppeln, selbst wenn die Amerikaner noch ein weiteres Jahr im Iran kämpfen", so der Politologe. Die Russen sollten sich darauf einstellen, dass der Druck auf die Gesellschaft wachse, weil Putin den Krieg mit "Freiwilligkeit" allein nicht fortführen könne.
"Kleingruppen-Einsätze fördern Korruption"
Dabei sei der Kreml einfallsreich: "Es geht nicht um massiven und akuten Druck auf die gesamte Gesellschaft, vielmehr werden leistungsschwache Studenten unter Androhung der Exmatrikulation in Drohnen-Einheiten gedrängt. Reservistengesetze sind bereits verabschiedet und bereit zur Umsetzung, und die kreativsten Bürokraten regen schon an, Feudalherren, Verzeihung, natürlich Unternehmer, zu verpflichten, Rekruten-Kontingente zu stellen."
Das bezieht sich auf den mittelalterlichen Brauch, wonach Grundbesitzer proportional zur Größe ihrer Ländereien Rekruten stellen mussten. Der Gouverneur von Rjasan hatte jüngst angeordnet, dass Unternehmen bis zu 500 Beschäftigten jeweils drei, größere Firmen fünf "Freiwillige" für den Fronteinsatz melden müssten [externer Link].
Wie haltlos die blumigen Versprechungen der Armee gegenüber Studenten sind ("Arbeit in der Hightech-Branche"), wurde bereits mehrfach dokumentiert [externer Link]. Bizarr: Witwen von Gefallenen dürfen ohne Aufnahmeprüfung studieren - aber nur, wenn sie nicht wieder heiraten.
Infotafel
Mancher Beobachter bezweifelt, dass die hohen Aufwendungen für Freiwillige stets die Adressaten erreichen [externer Link]: "Theoretisch schafft der Einsatz von Kleingruppen, die das feindliche Gelände infiltrieren, ideale Bedingungen für die Bildung eines Korruptionsnetzwerks, das sich nahtlos in die bestehende vertikale Machtstruktur einfügt. Dieser Logik folgend werden die bereitgestellten Milliarden, anstatt die überbewerteten Interessen der Regierung zu fördern, dazu genutzt, sie auf einfachste und naheliegendste Weise zu diskreditieren."
"Kreml versucht Todesängste zu zerstreuen"
Ein weiterer anonymer Kommentator mit 117.000 Fans verwies [externer Link] auf immer höhere Antrittsprämien. Sie seien von zunächst umgerechnet rund 1.700 Euro auf teilweise 30.000 bis 50.000 Euro gestiegen: "Die überhöhten Zahlungen an Freiwillige sind kein Zeichen von Reichtum, sondern Symptom für einen 'ausgetrockneten Brunnen'. Die Machthaber versuchen buchstäblich, damit die Todesängste der Bevölkerung zu zerstreuen, doch die Zahl der Freiwilligen schwindet. Die Ressourcen von Randgruppen und Überschuldeten, die die Rekrutierungskampagne in den letzten Jahren getragen haben, sind erschöpft."
Die Eroberung weiterer ukrainischer Gebiete sei zu einem "extrem teuren Geschäft" geworden, bei dem die Währung die Zahl der Gefallenen sei: "Der Kreml hat das menschliche Leben völlig entwertet und durch nüchterne Entschädigungszahlungen ersetzt."
Politologe Andrei Nikulin meinte [externer Link]: "Übrigens, im Zusammenhang mit den Berichten über eine laufende Kampagne zur Anwerbung von Rekruten unter Universitätsstudenten, von Reservisten und der mittlerweile routinemäßigen Anwerbung von Zeitsoldaten – all diese Meldungen zusammengenommen ergeben ein recht interessantes Bild. Sie schüren berechtigte Skepsis gegenüber Berichten über Verhandlungen und einen möglichen Waffenstillstand."
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