"Alles ist Schein in Russland, und deshalb ist man überall misstrauisch", so der französische Reisende Astolphe de Custine (1790 – 1857) bereits vor 200 Jahren: "Es ist hier nur zu leicht, sich durch den Schein der Zivilisation blenden zu lassen."
Von den heutigen Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz (KI) und virtuellen Bildern konnte de Custine nichts ahnen, aber seine Skepsis wird von russischen Kommentatoren zunehmend geteilt, nicht zuletzt wegen teils fiktiver militärischer Erfolge, die Wladimir Putin und seine Propagandisten verbreiten.
"Leider alles nur Fassade"
So hatte der russische Präsident die Einnahme der ukrainischen Stadt Swjatohirsk verkündet, die nach der Einschätzung der Militärblogger tatsächlich noch viele Kilometer von der Front entfernt liegt. Mittlerweile sei das Problem der "Falschmeldungen und der Schönfärberei systemisch geworden", behauptet zum Beispiel Blogger Mikhail Zvinchuk (1,55 Millionen Fans) vom populären Telegram-Kanal "Rybar" [externer Link].
All die vermeintlich triumphalen Erfolgsmeldungen hätten mit der Realität nichts zu tun und seien vielmehr ein "Signal an den Westen": "Sie sind zu einem Markenzeichen der Informationspolitik des russischen Militärs geworden. Leider ist alles nur Fassade."
Die "Zwei Majore" (1,2 Milionen Fans) kommentierten trocken: "Das Schraffieren von angeblich eroberten Gebieten auf Kosten der Soldaten und das Verfassen geschönter Berichte sind strengstens verboten. Die Frage, warum sich an diesem System nichts ändert, betrachten wir als eine rein rhetorische."
"Keine Möglichkeit, den Sieg zu erringen"
Entsprechend düster gestimmt sind manche russische Beobachter [externer Link]: "Es scheint, dass sich die negativen Entwicklungen für Russland nicht nur im Hinterland und in der Wirtschaft, sondern auch an der Front bemerkbar machen."
Publizist Daniil Tulenkow folgerte aus den kritischen Bestandsaufnahmen sogar [externer Link]: "Nur eine Konstante bleibt unverändert, unerschütterlich seit dem Frühjahr 2022: die völlige Abwesenheit jeglicher theoretischer Möglichkeit für die russischen Streitkräfte, im aktuellen Konflikt einen Sieg zu erringen." Dazu einer seiner erstaunten Kollegen: "Es ist viel zu früh, um zu verzweifeln. Warum muss es denn gleich so katastrophal sein? Das Land hat Zeit, zur Vernunft zu kommen. Viel mehr als die Machthaber."
Exil-Politologe Abbas Galljamow behauptete [externer Link]: "Vor den Parlamentswahlen wird Putin aktiver und lügt mehr als sonst." Entscheidend sei dabei die "Gesamtbilanz" der "dreisten" Lügen: "Solange die Regierung stark wirkt, ist die Irritation darüber unmerklich. Doch wenn sie ins Wanken gerät, wird diese negative Stimmung plötzlich wie eine Flutwelle über sie hereinbrechen und sowohl die Regierung selbst als auch viele ihrer Anhänger mitreißen."
"Niemand kann es überprüfen"
Der kremlkritische Politologe Andrei Kalitin [externer Link] schreibt über das Wunschdenken des Regimes: "Im Zeitalter der KI und der totalen Digitalisierung erreicht die Kunst des Aufbaus von Scheinwelten in Russland ein neues Niveau. Vertreter russischer Ministerien und Behörden können nun, indem sie die besten KI-Designer anwerben, täglich neue Flugzeuge und Eisbrecher bauen, Berlin und Kiew stürmen, London und Washington bombardieren, zum Mond und Mars fliegen und selbst an Orten ohne Straßen oder Abwassersystemen neue Wissenschaftszentren und Bildungseinrichtungen eröffnen."
Infotafel
Mit Hilfe von "Neuro-Fakes" seien "beispiellose Erfolge an der Front" möglich. Das ironische Fazit von Kalitin: "Hauptsache, das Video ist ordentlich aufgemotzt, in eine ansprechende Präsentation mit der größtmöglichen Schriftart eingebettet, ein Beamer gekauft und das Ganze im Kreml abgegeben. Dort gibt es ohnehin kein Internet, also kann es niemand überprüfen."
"Wird alles irgendwann ein Ende haben"
Ähnlich sarkastisch äußerte sich Politologe Kirill Dimitriew [externer Link]. Mit Hilfe virtueller Bilder könne Putin noch im Herbst den Sieg verkünden: "Man könnte die nötigen Fotos und Karten vorbereiten, eine Parade veranstalten und die Flagge auf irgendeinem Gebäude mit einer Säulen-Vorhalle hissen. Der Präsident würde die Erreichung der Ziele der Spezialoperation verkünden und Medaillen verleihen. Das war's, dann könnten wir mit den Amerikanern über die Aufhebung der Sanktionen und die Ankurbelung der Wirtschaft verhandeln. Das eingesparte Geld würde an die Veteranen des Krieges gehen."
Jeder erinnere sich an das Schicksal von in Ungnade gefallenen Generälen und Beamten, die unliebsame Wahrheiten ausgesprochen hätten und dafür zur Rechenschaft gezogen worden seien: "Es wird alles irgendwann ein Ende haben. Hauptsache, man gerät bis dahin nicht in Schwierigkeiten: kommt nicht ins Gefängnis, wird nicht gefeuert, gerät nicht in die Bredouille. So werden alle Entscheidungen getroffen, können Sie sich das vorstellen? Nicht nur über Operationen an der Front."
Kreml-Sprecher Dimitri Peskow sagte vor Journalisten gleichwohl [externer Link]: "Ja, wir sind zuversichtlich und überzeugt, dass der Sieg bereits sehr nahe ist."
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