"Lokale und regionale Wahlsiege der AfD allein werden den außenpolitischen Kurs der Bundesregierung nicht ändern, doch der Kreml setzt darauf, dass die Erfolge der Rechtsextremen eine schwere politische Krise auslösen, die schließlich zum Kanzlerwechsel führen soll. Darüber hinaus ist bekannt, dass nicht nur die Rechten, sondern auch Teile der Linken Militärhilfe für die Ukraine ablehnen", so der im Exil lebende russische Publizist und frühere Redenschreiber des Kremls, Abbas Galljamow, in einer neuen Analyse von Putins Strategie (externer Link).
Der russische Präsident habe einen langen Atem und strebe den "Zusammenbruch des Westens" an, auch mit Hilfe der AfD, wobei er "Anlass zu Optimismus" habe. Allerdings mache Putin dabei einen entscheidenden Fehler: "Abwarten ist nur dann von Vorteil, wenn die eigenen Mittel langsamer schwinden als die des Gegners. Ändert sich dieses Verhältnis, wird Abwarten zu einer zur Falle."
"Es ähnelt einer Spielsucht"
Ähnlich sieht es der britische Experte Lawrence D. Freedman in einem Essay im Fachblatt "Foreign Affairs" [externer Link]: "Putin hat einen Fehler begangen, der Russland nicht nur schwächen, sondern es von innen heraus zerstören wird. Der Hauptfeind des Putin-Systems ist das Putin-System selbst.."
Der in London lehrende Politologe Wladimir Pastuchow argumentiert (externer Link), Putin habe ungeachtet der "Zermürbungstaktik" am Frieden aus psychologischen Gründen gar kein Interesse: "Selbst wenn wir uns vorstellen, dass er aus irgendeinem Grund den Krieg beendet und an der Macht bleibt, wäre sein Leben fortan eintönig. Er hätte schlichtweg nichts zu tun. Hier geht es um mehr als nur Wut oder Hass. Es ähnelt einer Spielsucht."
Fazit des St. Petersburger Politologen Michail Winogradow (externer Link): "Manche glauben, der Schlüssel liege darin, Zeit zu gewinnen. Andere argumentieren, man müsse diese Zeit auch nutzen. Das war in der Vergangenheit oft nicht der Fall."
"Keine Lust auf langwierigen Krieg"
Gleichwohl fürchten westliche Sicherheitsexperten, dass Putin seinen "hybriden" Krieg gegen Europa gewinnen könnte, weil die europäische Öffentlichkeit "möglicherweise keine Lust auf einen langwierigen Krieg" habe, hieß es unter Berufung auf Fachleute kürzlich im britischen "Guardian" [externer Link]. Anlass dafür war ein Meinungsaustausch, zu dem die Münchner Sicherheitskonferenz am 2. September in Rom eingeladen hatte (externer Link).
Entsprechend zuversichtlich geben sich Putins Propagandisten nach dem AfD-Wahlsieg. So schrieb Politologe Sergei Markow (externer Link): "Die beste Option: Die Brandmauer um die AfD, die sich für Frieden in der Ukraine einsetzt, bricht in ganz Deutschland zusammen. Unter diesem Einfluss wird Deutschland nicht weiter in den Krieg mit Russland hineingezogen."
Publizist Eduard Basurin rief bereits den "Fall der alten Garde" in der deutschen Politik aus und jubelte (externer Link): "Die AfD weist derzeit den höchsten Anteil an russischsprachigen Deutschen aller politischen Gruppierungen im Land auf."
"Sofortige Kehrtwende nicht zu erwarten"
Fjodor Lukjanow, Chefredakteur der außenpolitischen russischen Fachzeitschrift "Global Affairs", schrieb nach dem AfD-Erfolg in Sachsen-Anhalt ganz im Sinne des Kremls (externer Link): "Insgesamt scheinen die politischen Transformationsprozesse in Westeuropa tatsächlich ein qualitativ neues Niveau zu erreichen. Die eklatante Diskrepanz zwischen den Forderungen der Bevölkerung und dem, was das Establishment als Antwort anbietet, wächst überall."
Infotafel
Bundeskanzler Friedrich Merz verglich er mit den sowjetischen KP-Chefs der 1980er Jahre: "Wenn sie versuchten, jemanden von etwas zu überzeugen, mussten sie feststellen, dass die Leute genau das Gegenteil von dem taten, was sie sagten. Der angestrengte Wahlkampf-Versuch, die AfD als Nazis und Putins Marionetten darzustellen, verfehlte in dem ostdeutschen Bundesland seine Wirkung völlig."
"Populisten baden nicht lange im Champagner"
Weniger schadenfroh zeigte sich Politologe Ilja Graschtschenkow [externer Link]: "Eine regionale Niederlage zwingt den Kanzler zwar nicht automatisch zum Rücktritt, untergräbt aber das Vertrauen in seine Strategie, insbesondere bei Parteikollegen, die demnächst selbst zur Wahl stehen. Eine sofortige Kehrtwende in den Beziehungen zu Russland ist nicht zu erwarten."
Der kremlkritische Publizist Andrei Piwowarow gab sich gelassen [externer Link]: "Die deutsche Demokratie steht vor einer schweren Prüfung, und das in sehr schwierigen Zeiten. Ich bin jedoch zuversichtlich, dass Deutschland funktionierende Institutionen, eine starke Zivilgesellschaft und starke Parteien hat. Diese Zeit wird sicherlich herausfordernd sein, aber ich glaube, dass daraus Lehren gezogen werden und die Populisten nicht lange im Champagner baden können."
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