Anfang Mai 2026 bei einer Besprechung mit Unterlagen
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Putin im Kreml am Schreibtisch: Mit oder ohne Plan?
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Putin im Kreml am Schreibtisch: Mit oder ohne Plan?

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"Es ist reines russisches Roulette": Hat Putin noch einen Plan?

"Es ist reines russisches Roulette": Hat Putin noch einen Plan?

An der Front geht es für Russland nach Einschätzung von Beobachtern nur noch zäh voran, gleichzeitig beschießt die Ukraine die Infrastruktur im Hinterland. Das drückt auf die Stimmung russischer Kommentatoren, die nach Putins Zukunftsvisionen fragen.

Über dieses Thema berichtet: BR24 Mastodon am .

"In Russland wird viel darüber geredet, wie verdammt ermattet alle sind und wann das endlich ein Ende nimmt. Leute, echt jetzt! Es fängt doch gerade erst an", schimpfte der russische Politblogger Igor Dimitriew vor seinen 128.000 Fans [externer Link] und ließ damit die aktuell trübe Stimmungslage durchblicken.

Dazu passt ein grotesk anmutender und in Russland viel verspotteter Aufsatz von Alexei Semjonow aus der russischen Präsidialverwaltung [externer Link], in dem er bedauerte, dass ehemals optimistisch-humorvolle Science-Fiction-Filme wie "Zurück in die Zukunft" inzwischen durch düstere Computerspiele wie "Fallout" ersetzt worden seien, die schwer aufs Gemüt der Russen drückten: "Indem sie uns eine lohnende Vision verweigert, lähmt die Popkultur unsere Fähigkeit, heute schon die Zukunft zu gestalten." Notgedrungen müsse sich daher der Staat um eine "glanzvolle Zukunft" kümmern.

"Regierungssystem zunehmend selbstzerstörerisch"

Doch sowohl nationalistische, als auch kremlkritische Stimmen haben immer mehr Zweifel an Putins Erfolgsaussichten. So will die Politologin Tatjana Stanowaja im Einklang mit westlichen Medienberichten, etwa der "Washington Post", "wachsende innere Spannungen" im Regime erkennen [externer Link]: "Bis vor Kurzem gingen viele davon aus, Putin habe einen Plan, selbst wenn dieser lediglich auf die Fortsetzung des Krieges hinausliefe. Nun mehren sich die Zweifel, ob ein solcher Plan überhaupt existiert. Und selbst, wenn das der Fall ist, könnte das für einige Beteiligte die politische oder physische Zerstörung bedeuten."

In gewisser Weise sei Putin Opfer der eigenen Strategie geworden. Er habe zunächst auf Abwarten gesetzt, in der Hoffnung, der Westen werde irgendwann einknicken: "Nun ist er selbst Ziel einer ähnlichen Strategie der Amerikaner geworden – eine unangenehme Situation für die Russen. In Russland wächst die Überzeugung, dass das gegenwärtige Regierungssystem zu destruktiv und zunehmend selbstzerstörerisch wird."

"Paradoxe Situation"

Nicht gerade zuversichtlich angesichts des Kriegsverlaufs gibt sich auch der rechtsextreme Z-Blogger Sachar Prilepin [externer Link]: "Ich sage nicht, dass wir insgesamt 'verlieren' werden – das ist ausgeschlossen. Ich sage, dass wir an der Front anfangen werden zu verlieren. Zuerst die Dörfer. Dann die Städte, die angeblich schon lange uns gehören. Dann den eigentlichen Zweck der Spezialoperation. Der Grund ist, dass wir uns auf Frieden konzentrieren, sie aber auf den Sieg."

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Infotafel

Der in London lehrende Politologe Wladimir Pastuchow schrieb [externer Link]: "Sowohl Putin als auch Trump fällt es zunehmend schwer, einen 'begrenzten Krieg' fortzusetzen (also mit begrenzten Mitteln voranzukommen). In einem solchen 'Nischenkrieg' erweisen sich sowohl der Iran als auch, insbesondere, die Ukraine unerwartet als die stärkere Seite. Es entsteht eine paradoxe Situation, wenn der 'Schwache' den 'Starken' auf seinen Schultern trägt. Ich habe keine Antwort auf die Frage, wer in einem solchen Kampf gewinnen wird. Es ist reines russisches Roulette."

"Leben ist grau und eintönig geworden"

Im jüngsten Tagesbericht des amerikanischen Institute for the Study of War (ISW) heißt es [externer Link]: "Nach über vier Jahren Krieg bekommen die Russen zunehmend die Kriegslasten zu spüren: Die Zahl der Kriegsopfer nähert sich einem Prozent der russischen Gesamtbevölkerung, die finanziellen Kosten des Krieges werden immer drückender von den Russen getragen, und der Kreml verschärft die Zensur und die Einschränkungen mobiler Daten. Russische ultranationalistische Militärblogger, ein Teil von Putins wichtigster Wählerschaft, kritisieren den Kreml und sogar Putin selbst immer häufiger dafür, diese Realität nicht anzuerkennen."

Einer der viel zitierten anonymen russischen Polit-Blogs bilanzierte seine längere Analyse [externer Link]: "Nach vier Jahren dieses seltsamen Krieges ist die Handlungsfähigkeit des Kremls stark gesunken: Putin ist nicht mehr jung, und die Risiken haben sich zu einem ernsthaften Zusammenbruch gebündelt. Alle sind müde, die Anfangseuphorie ist verflogen, und das Leben ist grau und eintönig geworden."

Ähnlich pessimistisch äußerte sich [externer Link] Blogger Alexei Schiwow (113.000 Fans): "Es gibt jetzt zwei Möglichkeiten: Entweder wir beenden den Krieg um jeden Preis sofort, oder wir beginnen einen Überlebenskampf, wie es der Iran vormachte, und stellen, nachdem wir unsere Fähigkeiten und Bereitschaft unter Beweis gestellt haben, wirtschaftliche Bedingungen."

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