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Einige Osterfeuer heißen explizit "Judasfeuer".
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Einige Osterfeuer heißen explizit "Judasfeuer".

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"Judasfeuer": Tradition zwischen Brauchtum und Kritik

"Judasfeuer": Tradition zwischen Brauchtum und Kritik

In bayerischen Gemeinden – vor allem zwischen München und Augsburg – gibt es am Karsamstag eine besondere Tradition: Vereine zünden ein großes Osterfeuer an. Zuweilen wird das Event "Judasfeuer" genannt – Kritiker sehen darin antijüdische Anklänge.

Über dieses Thema berichtet: Bayern 2 am Feiertag am .

Johanna, Lisa und Magnus aus Röhrmoos und Abinaja aus Sigmertshausen schauen lachend auf ein Smartphone: Sie spielen ein Video ab – vom Osterfeuer 2025 in Röhrmoos: Zum Sound der Filmmusik von "Fluch der Karibik" schnellen Flammen empor, das Feuer wird immer größer. Seit einigen Jahren aber ist ihre Freude am alljährlichen Osterfeuer getrübt. Denn immer wieder sehen sie sich mit dem Vorwurf konfrontiert, dass da eine antijüdische Tradition gelebt werde.

Judas-Figur mit antisemitischer Rezeptionsgeschichte

Der Hintergrund: Dem Brauchtum liegen antijüdische Ressentiments zugrunde. Festgemacht werde das an den Strohpuppen, die der Tradition gemäß bei diesen Feuern verbrannt werden, erklärt der Historiker Andreas Rentz: "Das Judasfeuer ist ein Brauch, bei dem der Judas verbrannt wird als Strafe für seinen Verrat an Jesus."

Belegen ließe sich dieser Brauch ungefähr seit den 1890er-Jahren. "Und das Problem mit dem Brauch ist, dass die Judasfigur eine antisemitische Rezeptionsgeschichte hat", sagt Rentz. "Judas gilt als stereotypischer Jude und personifiziert stereotypische Eigenschaften, die dem Judentum zugeschrieben werden, beispielsweise die Geldgier, Habgier oder das Verräterische, Illoyale."

Kritik durch antisemitische Judas-Puppe in Polen entfacht

So richtig aufgekommen ist die Kritik an den Judas- oder Jaudusfeuern in Bayern vor wenigen Jahren - nach einem eindeutig antisemitischen Vorfall in Polen, wo man die Judaspuppe mit Hakennase, einer jüdischen orthodoxen Schläfentracht und Ähnlichem ausgestattet hatte. Puppen mit solchen eindeutig antijüdischen Merkmalen sind in Bayern nicht bekannt. Aber Figuren aus zusammengebundenem Stroh, manchmal sogar mit ausgemusterten Kleidungsstücken, haben schon immer dazugehört.

"Wir haben auch immer solche Puppen gehabt, aber uns nichts dabei gedacht", ist man sich im Röhrmooser Burschen- und Madl-Verein einig. Als Johanna, Lisa und Magnus erfahren haben, welches Gedankengut beim Osterfeuer mit Strohpuppe mitschwingt, haben sie sich schließlich entschieden, die Puppe wegzulassen.

"Wir lassen uns das nicht verbieten"

Doch nicht überall hätten die Vereine so reagiert, erzählt Dachaus Kreisheimat-Pflegerin Birgitta Unger-Richter. Eine Informationsveranstaltung habe wenig gebracht, nach wie vor würden in einigen Gemeinden im Landkreis Strohpuppen verbrannt. "Es geht einerseits um Verlustängste und bei manchen, glaube ich, war eine gewisse Trotzreaktion da", so Unger-Richter – frei nach dem Motto: "Wir lassen uns das nicht verbieten, wir machen das trotzdem. Das ist ein alter Brauch."

Anders als die Röhrmooser wollen die Sigmertshauser wieder eine Strohpuppe entzünden. Abinaja, seit einem Jahr Vorstand vom Burschen- und Madl-Verein Sigmertshausen, erklärt, "Migrationshintergrund" zu haben – "ich wäre die erste, die aufstehen würde, wenn da was wäre". Bisher aber sei das nicht nötig gewesen. Allerdings, so die junge Frau, wenn sie das alles so mitbekomme, sei "auf jeden Fall Diskussionsbedarf da".

Heimatpflegerin sieht Gefahr der Vereinnahmung von rechts

Miteinander im Gespräch bleiben – darauf setzt auch Dachaus Kreisheimat-Pflegerin Birgitta Unger-Richter. Sie ist dagegen, die Strohpuppen zu verbieten – sieht aber eine Gefahr: dass das Brauchtum von rechts vereinnahmt werden könnte. "Ich bin im Jahr 2026 umso mehr besorgt, als vor dem Hintergrund der politischen Entwicklungen das Ganze für mich auch noch missbraucht werden könnte, wenn über die Hintergründe kein Bewusstsein herrscht, wenn man so leichtfertig mit so etwas umgeht – weil ich finde, das kann sich immer schnell auch wenden."

Vereine wehren sich gegen Generalverdacht

Eine Sorge, die die Burschen und Madl aus Röhrmoos, wie sie selbst sagen, durchaus nachvollziehen können. Gleichzeitig wehren sich die Vereine auch dagegen, unter Generalverdacht gestellt zu werden, weil sie ihr Brauchtum pflegen und Tracht tragen. Klar ist: Sie wollen an ihrer Tradition festhalten und diese sensibel weiterentwickeln. Und: Eigentlich seien es ja genau Vereine, die Menschen zusammenbringen und zu einem demokratischen Miteinander beitragen.

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