Der jüdische Publizist Michel Friedman stellt Deutschland aktuell ein schlechtes Zeugnis aus, wenn es um die Bekämpfung von Antisemitismus geht: "Jüdisches Leben in Deutschland ist so bedroht wie seit Jahrzehnten nicht mehr", stellt er fest. Und: "Die Lebensqualität eines jüdischen Menschen in Deutschland ist schlecht".
- Zum Artikel: Studie zeigt Ausgrenzung von Juden in Deutschland
Friedman: "Hausaufgaben nicht gemacht"
"Wie konnte es so weit kommen? Wer ist dafür verantwortlich?", fragt sich Friedman weiter. "Alle die, die doch versprochen haben, dass in Deutschland 'Nie wieder! Wehret den Anfängen!' als Leitmotiv gilt, müssen eingestehen: Sie haben ihre Hausaufgaben nicht gemacht".
Auschwitz-Überlebende Umlauf: "Demokratie ist sehr fragil"
Auch der 83-jährigen Kinderärztin und Auschwitz-Überlebenden Eva Umlauf macht die aktuelle Stimmung in Deutschland große Sorgen. Sie plädiert an die Zivilgesellschaft und an die Politik, sich mehr gegen Antisemitismus einzusetzen und die Demokratie zu fördern. Denn diese sei gerade "sehr fragil".
Ähnlich äußert sich im Gespräch mit dem Bayerischen Rundfunk auch Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern: "Es wäre für mich sehr beruhigend, wenn wir die Menschen davon überzeugen könnten, dass alle in unserem Land eine Heimat finden können und eine Heimat haben", sagt die 93-Jährige. "Ich glaube, das würde für das Zusammenleben sehr, sehr wichtig sein".
"Wollen sicher, sichtbar und selbstverständlich hier leben"
Der massive Anstieg von antisemitischen Vorfällen und Straftaten besorgen auch junge Jüdinnen und Juden, wie zum Beispiel Jessica Flaster, Vorsitzende des Verbandes jüdischer Studierender in Bayern. Vor der von der Polizei bewachten Münchner Synagoge am Sankt Jakobsplatz erklärt sie: "Junge Jüdinnen und Juden wollen in Deutschland vor allem eines: sicher, sichtbar und selbstverständlich leben. Der 27. Januar darf nicht zu einem ritualisierten Gedenktag verkommen, sondern muss vor allem ein Appell an uns alle sein, dass wir einen Beitrag dazu leisten, jüdisches Leben und unsere Demokratie zu verteidigen".
Bundespräsident Steinmeier: "Da taucht das alte Böse in neuem Gewand auf"
Im Interview sagt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier: "Es gibt offenen Antisemitismus auf unseren Straßen und noch immer müssen Synagogen mit der Polizei geschützt werden." Deutschland habe geglaubt – auch durch die jahrelange Aufarbeitung in den Schulen, Universitäten oder durch private Initiativen – dass wir genügend gelernt hätten. Doch nun tauche das alte Böse in neuem Gewand auf.
"Da gibt es völkisches, autoritäres, antisemitisches Gedankengut, das sich so präsentiert, als hätten sie die Lösungen für die Gegenwart und für die Zukunft parat", so Steinmeier. Der Bundespräsident zeigt sich auch bestürzt darüber, dass es auch in diesen Tagen wieder Angst von jüdischen Eltern gebe, ihre Kinder in die Schule zu schicken, oder dass jüdische Studierende ausgegrenzt würden.
Starke Zunahme antisemitischer Straftaten seit dem 7. Oktober 2023
Aktuelle Zahlen des Bundesinnenministeriums zeigen, dass die Anzahl antisemitischer Straf- und Gewalttaten stark von der Entwicklung des Nahost-Konfliktes abhängig ist. Das zeigt sich durch eine starke Zunahme der Fallzahlen seit dem 7. Oktober 2023; und diese Entwicklung setzte sich auch im Jahr 2024 fort.
So wurden im Jahr 2022 in Deutschland 2.641 antisemitische Straftaten erfasst. Im Jahr 2023 fast doppelt so viele, nämlich 5.164 und im folgenden Jahr 2024 registrierte das Bundesinnenministerium 6.236 antisemitische Straftaten in Deutschland. Die abschließenden Zahlen für das vergangene Jahr 2025 liegen aktuell noch nicht vor.
Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.
"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!
