Was sind die großen Momente der Oscar-Verleihung? Modetechnisch sind es nicht die Dankesreden im Saal, sondern das Defilee davor. Wer schafft es, in wenigen Sekunden mit seiner Robe Aufsehen zu erregen, bevor der nächste Star den roten Teppich betritt? Fashion-Beraterinnen, Agentinnen, Designer und Stars müssen eine Taktik entwickeln, wie sie diesen Moment inszenieren. Wer sorgt für Gesprächsstoff – und wer schießt übers Ziel hinaus?
Mode mit Sicherheitsgurt
Viele weibliche Stars gingen 2026 auf Nummer sicher: Schulterfrei dominierte, ebenso die klassische Amphoren-Form beim Kleid, die Dekolletés Kinderfernsehen-tauglich, die meisten Kleider bodenlang mit Schärpe. Man mag das zeitlose Eleganz nennen – im Kern ist es die ewige Wiederholung des traditionellen Ballkleids, verlässlich geliefert von den großen Modehäusern: Dior (getragen von Anne Hathaway und Rose Byrne), Gucci (Demi Moore), Elle Fanning (Givenchy) oder Armani (Kate Hudson). Kurz: Mode mit Sicherheitsgurt.
Mehr Marketing als Fashion
Aber es geht beim roten Teppich in Los Angeles ja auch nur vordergründig um Mode. Weibliche Stars haben immer noch ein kurzes Zeitfenster, in dem sie die Leinwand dominieren. Deswegen gilt es, den jährlichen Oscar-Auftritt sorgfältig zu kuratieren. Schließlich müssen die Studios überzeugt werden, diese Frau für den nächsten Film zu buchen. Weil schlank, weil schön, weil elegant, weil Star. Bei der Oscar-Verleihung geht es ums Vermarkten. Bin ich attraktiv genug, um Massen ins Kino zu locken?
Im Video: Los Angeles - 98. Oscar-Verleihung
Oscar-Verleihung
Kaum politische Statements
Und dann lieber nicht zu viel wagen. Die Oscar-Verleihung in diesem Jahr war modisch eher eine Leisetreterei. Ein Ausdruck von unsicheren Zeiten, global, aber auch gerade in den USA, wo ein offener Kulturkampf tobt? Bei diesem übernehmen auch in Hollywood konservative Kräfte wie gerade bei Warner das Heft. Daher wundert es nicht, dass auf dem Roten Teppich kaum politische Statements zu sehen waren. Nur Javier Bardem trug groß und sichtbar den Antikriegs-Slogan: "No a la guerra". Sicher nicht förderlich für die Karriere, wenn Trump-Unterstützer an der Spitze eines Studios über die Besetzung entscheiden.
Höhepunkt der Oscar-Verleihung: Chloé Zhao
Der wirklich beeindruckendste Auftritt kam dann auch nicht von einer Schauspielerin. Den lieferte die Regisseurin Chloé Zhao. Sie erschien in einem hochgeschlossenen schwarzen Kleid, mit schillernden Aufschlägen an den Ärmeln, die die Hände fast vollständig verdeckten. Wichtiger noch: Sie trug einen halbdurchsichtigen Schleier über dem Kopf. Im Netz wird das oft als Gothic-inspiriert eingeordnet. Doch er lässt sich ebenso als Kommentar auf den Iran-Krieg lesen: eine verschleierte Frau im eleganten, aber hochgeschlossenen Kleid. Schwarz, aber mit abstrakten Mustern und silbern-schillernden Unterfäden – das wäre auch in vielen streng-islamischen Ländern tragbar.
Natürlich werden solche Kleider nicht eine Woche vorher ausgewählt oder genäht. Aber der Konflikt zwischen den USA und dem Iran schwelt seit Jahren. Und die Filme von Chloé Zhao transportieren immer auch politische Botschaften. Nie vordergründig, aber präsent – so wie ihr Kleid bei der diesjährigen Oscar-Verleihung. Ein schönes Kleid mit vielen Ebenen, etwas, das sich lohnt, länger anzuschauen.
Im Video: Gewinner der Oscar-Verleihung 2026
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