Eine Vinyl- Schallplatte wird abgespielt.
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Listening Bars setzen auf den Hörgenuss, meistens werden Vinyl- Schallplatten abgespielt. (Symbolbild)
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Listening Bars setzen auf den Hörgenuss, meistens werden Vinyl- Schallplatten abgespielt. (Symbolbild)

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Listening Bars: Darf man da wirklich nicht sprechen?

Listening Bars: Darf man da wirklich nicht sprechen?

Vinyl statt Playlist, Hi-Fi statt Kopfhörer, Zuhören statt Reden: Listening Bars versprechen bewussten Musikgenuss und haben damit einen Nerv getroffen. Warum dieses Konzept gerade jetzt in deutschen Großstädten boomt.

Über dieses Thema berichtet: Bayern 2 Zündfunk am .

Die Samstagabendgestaltung hat einen weiteren Player hinzugewonnen: In ganz Deutschland sprießen sogenannte Listening Bars aus dem Boden. Bars wie das Unkompress in Berlin, das High Fidelity in Stuttgart oder das SPIN in München setzen dabei weniger auf ausgefallene Drinks oder spektakuläre Ausblicke, sondern locken mit einem Versprechen, das in Zeiten von Streaming fast radikal wirkt: kompromisslosem gutem Sound.

Kulturelle Vorlage aus Fernost

"Wir haben uns vom ganzen Konzept her an der japanischen Listening-Bar-Kultur orientiert, von der Minimalistik des Raumes bis zu den Drinks", sagt Moritz Reil, Betriebsleiter der SPIN-Bar in München. Listening-Bars sind in Japan unter dem Namen Jazz Kissa vor allem nach dem Krieg populär geworden, als sich niemand eine große Plattensammlung und schon gar nicht eine hochwertige Musikanlage leisten konnte.

Was früher eine Notwendigkeit war, entwickelte sich über Jahrzehnte zu einer eigenen Kultur. In klassischen Jazz Kissa soll nicht laut gesprochen werden; die Gäste konzentrieren sich voll und ganz auf die Musik und die Qualität der oft extrem hochwertigen Anlagen.

Über die Jahrzehnte entwickelte sich daraus eine eigenständige Kultur mit klaren Regeln: Gespräche sind oft reduziert, die Aufmerksamkeit gilt der Musik, die Technik ist hochwertig und die Auswahl sorgfältig kuratiert. Dieses Ideal dient heute vielen neuen Listening Bars als Inspiration – wird jedoch selten eins zu eins übernommen.

München ist nicht Tokio

In der Münchner Ausprägung zeigt sich schnell eine Verschiebung: Zwar steht auch hier die Klangqualität im Mittelpunkt, doch das Nutzungsverhalten ist deutlich offener. Gespräche, soziale Interaktion und nicht zuletzt Social Media spielen eine größere Rolle als im japanischen Original. "In der ersten Stunde ist Listening Bar eine passende Bezeichnung, insgesamt muss man eher von einer Hi-Fi-Bar sprechen", sagt Reil. Zwar habe man sich vom japanischen Vorbild inspirieren lassen, doch wie sich Atmosphäre und Nutzung entwickeln, sei offen.

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Der Eingang einer klassischen Jazz Kissa Bar in Tokio.

Fragt man die Gäste in der Bar, so geht diese deutsche Version der Listening Bars auf. "Mir wäre es langweilig, nur still dazusitzen und zuzuhören", sagt ein Gast. Sein Gegenüber ergänzt, er sei selbst schon in einer Jazz-Kissa-Bar in Japan gewesen, sei aber froh, dass man hier nicht nur flüstern dürfe. Aussagen wie diese zeigen, dass sich in Deutschland vermutlich, wenn dann eine eigene Listening-Bar-Kultur entwickeln würde. Auf die Frage, ob das nicht eine Verwässerung des Originals sei, reagieren viele gelassen: Daraus könne schließlich auch etwas Neues entstehen.

Ein dritter Ort für Audiophile

Listening-Bars lassen sich als Gegenbewegung zum ständig im Ohr hängenden Bluetooth-Kopfhörer verstehen. Als Orte, an denen Musik gemeinsam und bewusst erlebt wird – fast so, als säße man im Wohnzimmer von Freunden und spiele sich gegenseitig die spannendsten Flohmarktfunde vor. Da sich immer weniger Menschen eine hochwertige Anlage leisten können, entstehen nun öffentliche Räume dafür.

Listening Bars bieten genau das: Musik wird nicht über Kopfhörer isoliert konsumiert, sondern als geteilte Erfahrung im Raum. In diesem Sinne funktionieren sie für viele als eine Art "dritter Ort", also ein Ort, an dem man andere Menschen trifft, der weder zuhause noch in der Arbeit ist. Gerade für jüngere Zielgruppen, die sich teilweise vom traditionellen Clubbing entfernen, entsteht hier eine Alternative mit weniger Lautstärke, mehr Atmosphäre und einem stärkeren Fokus auf Ästhetik.

Wohin dreht sich der Trend?

Noch ist unklar, ob sich Listening Bars langfristig als feste Größe etablieren oder ein vorübergehender Trend bleiben. Viel spricht jedoch dafür, dass sich – ähnlich wie bei der Clubkultur – regionale Eigenformen entwickeln werden. Dass jetzt schon, anstatt der strengen Orientierung am japanischen Vorbild, eine eigenständige Interpretation zu erkennen ist, spricht sehr dafür.

Eines steht jetzt schon fest: Listening Bars treffen einen Nerv der Zeit. Sie verbinden Nostalgie mit Zeitgeist und Analogtechnik mit kuratiertem Erlebnis. So schaffen sie neue Räume, in denen Musik wieder bewusster gehört wird und man ihr so wieder mehr Wert verschafft.

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Die SPIN Bar in München.

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