"Manchmal kleckert die Tinte und dann bin ich ganz schwarz", lacht Nele Heaslip und hält demonstrativ ihre rechte Hand hoch – an der münzgroße schwarze Flecken verräterische Hinweise darauf liefern, was sie leidenschaftlich gerne macht: zeichnen.
Gerade arbeitet sie an einem richtigen Mammutprojekt: Goethes Faust – der Tragödie erster Teil – als Graphic Novel. Also quasi als komplexeren Comic. Mit sorgfältigen Strichen aus schwarzer Tusche haucht sie zu Hause am Küchentisch den Figuren aus Goethes Drama Leben ein und lässt sie mal verzweifelt, mal schelmisch, mal verbittert über das weiße Papier tanzen. Dazu kommt – in Sprechblasen auf die einzelnen Szenen dosiert – Goethes Text von 1808, fast unverändert.
Seit fünf Jahren arbeitet sie schon daran, jetzt ist sie fast fertig, sozusagen im Endspurt: "Das fühlt sich total toll an. Das Einzige, woran ich immer noch denke, ist: Man, die letzten fünf Seiten sind noch nicht da. Ich muss sie zeichnen!
Faust als Identifikationsfigur
Die Geschichte begeistert sie schon, seit sie sie als Teenagerin das erste Mal gelesen hat – mit 14 Jahren. Denn zum einen kann sie sich in der Figur des frustrierten Professors Dr. Heinrich Faust wiedererkennen, der so angestrengt nach neuen Erkenntnissen strebt, dass ihm jede Freude verloren geht: "Dieses ewige im Kreis Drehen, immer wieder über die gleiche Sache nachgrübeln, aber nicht die Antwort darauf finden – auf seinem intellektuellen Hamsterrad – das kann ich recht gut nachvollziehen."
Faszination für das Böse
Zum anderen fasziniert sie die Figur, mit der sich Faust auf einen Deal einlässt – Mephisto. Oder wie er sich bei Goethe selbst vorstellt: "Ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft." Er verspricht Faust, ihn zumindest für einen kurzen Augenblick glücklich zu machen. Zum Dank möchte er dafür Fausts Seele.
Besonders spannend findet Nele Heaslip den Aspekt, dass Mephisto zwar menschlich wirkt, aber eigentlich das Böse verkörpert: "Ich finde die Vorstellung sehr reizvoll, dass man Mephisto beim Spaziergang in einem Café begegnen und ein ganzes Gespräch mit ihm führen könnte – ohne zu merken, dass er der Teufel ist."
Im Audio: Goethes "Faust" als Comic
Mephisto-Darstellung in Nele Heaslips Graphic Novel "Faust - der Tragödie erster Teil"
Also changiert auch die Mephisto-Darstellung in ihrer Graphic Novel zwischen Mensch und Dämon: Mit seinem schwarzen Anzug, weißen Hemd, den schulterlangen, pechschwarzen Haaren und den menschlichen Gesichtszügen könnte er auf den ersten Blick glatt als normaler Mann durchgehen. Auf den ersten Blick – denn schnell verraten ihn das schelmische Blitzen in seinen Augen, die spitzen Ohren und das schwarze Dreieck unter seinem rechten Auge, das an den Pierrot – den traurigen französischen Clown – erinnert.
“Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust!” – Goethes Text mit neuen Bildern
Aber es sind nicht nur die altbekannten Figuren, die neu interpretiert werden wollen. Auch Goethes Verse sind längst zum geflügelten Wort geworden, erklärt Nele Heaslip: "Manche Sätze wie 'Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein', sind so oft wiedergekäut und banalisiert worden. Zum Beispiel zu: 'Hier bin ich Mensch, hier kaufe ich ein'."
Eine Herausforderung, die sie jedoch in ihrer Graphic Novel geschickt löst: Indem sie Goethes Text zwar im Original übernimmt, aber auf der Bildebene eine Neuinterpretation schafft. Und zwar mit mehreren Zeitsprüngen. Ihre Figuren wechseln zwischen Mittelalter, Gegenwart und NS-Zeit hin und her.
Zeitsprung in Nele Heaslips Graphic Novel "Faust - der Tragödie erster Teil"
Die Idee dahinter: Zu zeigen, wie zeitlos der Kern des Fauststoffs ist. Indem man die gleiche Geschichte in verschiedenen Epochen erzählt und die Leser so einlädt, sie aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Eine kreative Annäherung an Goethes Erbe, die zeigt, dass eben auch Klassiker noch lange nicht auserzählt sind.
Dieser Artikel ist erstmals am 9. Januar 2026 auf BR24 erschienen. Das Thema ist weiterhin aktuell. Daher haben wir diesen Artikel erneut publiziert.
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