"Die Banken wollen dem Finanzministerium keine Kredite mehr gewähren, nicht mal gegen hohe Zinsen. Das Ministerium muss daher andere Finanzierungsquellen finden. Aber welche?" fragt sich nicht nur der russische Politologe Georgi Bovt [externer Link], nachdem die jüngsten Versteigerungen russischer Staatsanleihen, die nach Lage der Dinge eigentlich Kriegsanleihen sind, mangels Nachfrage abgesagt werden mussten. Offiziell geschah das zur "Stabilisierung der Marktlage", wie die staatliche Nachrichtenagentur TASS meldete [externer Link].
"Banken und institutionelle Anleger verfügen schlichtweg nicht über genügend Kapital. Und all dies inmitten eines Billionen-Rubel-Defizits im Bundeshaushalt", so Kommentator und Finanzexperte Nikita Krischewsky [externer Link], der von einem "Pyramidensystem" aus Staatsanleihen sprach, also einer windigen Finanzkonstruktion, bei der alte Schulden durch immer höhere neue Schulden beglichen werden.
"Die Aussichten für die Haushaltsführung werden zunehmend unsicherer", so Kritschewsky: "Die Lösung wird weder ein Zahlungsausfall, noch ein Einfrieren privater Bankeinlagen sein (das kommt nicht in Frage), sondern vielmehr eine – natürlich 'kontrollierte' – Geldschwemme (einschließlich Inflation). Die russische Währungsgeschichte (seit 1796, wenn ich mich nicht irre) kennt keinen einzigen Fall, in dem eine Geldschwemme gestoppt wurde."
"Nicht die Front bröckelt - es ist die Wirtschaft"
TV-Journalist Maxim Kalaschnikow zeigte sich noch pessimistischer [externer Link]: "Ein sehr alarmierendes Zeichen. Es ist unmöglich geworden, das wachsende Defizit des Bundeshaushalts 2026 durch inländische Kredite zu decken." Er rechnet im November mit einer "Finanzkrise", weil Russlands Mittel dann erschöpft seien.
"Von irgendwoher werden dann sieben Billionen Rubel [umgerechnet etwa siebzig Milliarden Euro] benötigt, um die letzten beiden Monate des Jahres zu überstehen", so Kalaschnikow: "Sollte Trump uns unter Druck setzen, wird eine deutlich höhere Summe nötig sein. Insbesondere, wenn unsere Regierung eine groß angelegte Mobilisierung von Reservisten beschließt, die das Haushaltsloch um mindestens weitere zwei Billionen Rubel vergrößern wird. Der Krieg hat seine Endphase erreicht. Nicht die Front bröckelt – es ist die Wirtschaft."
"Was kommt als Nächstes?"
Der kremlkritische Ökonom Igor Lipsitz verwies darauf [externer Link], dass das russische Finanzministerium zeitgleich zu den Schwierigkeiten am Anleihemarkt seine aktuellen Kassenstände zur Geheimsache erklärte: "Ich frage mich, wie lange das anhalten wird?"
Putin hatte Anfang Juni betont, die russische Staatsverschuldung sei vergleichsweise gering und liege deutlich unter der von EU-Ländern. Was der Präsident dabei nicht erwähnte: Durch die Sanktionen hat Russland deutlich weniger Möglichkeiten an Geld zu kommen als westliche Länder. Allein im letzten halben Jahr verkaufte die russische Zentralbank rund 43 Tonnen Gold, besorgte Bürger heben von ihren Bankkonten Bargeld in Rekordmengen ab [externer Link].
Infotafel
Einer der anonymen russischen Wirtschaftskommentatoren fragte daher [externer Link]: "Was kommt als Nächstes? Ausgaben kürzen, Steuern erhöhen, Vermögenswerte verkaufen oder verstärkt gegen korrupte Beamte vorgehen? Angesichts der niedrigsten Staatsverschuldung aller Industrieländer ist es noch möglich und notwendig, neue Kredite aufzunehmen – durch Verhandlungen mit Banken und Ausländern."
"Systemische Bedrohung"
Ultrapatriot Juri Barantschik sprach von einer "schwierigen Lage" [externer Link]: "Russland gerät weniger in eine akute Liquiditätskrise als vielmehr in eine Zinsfalle. Wenn das Finanzministerium einer Kreditaufnahme zu 17 Prozent Zinsen zustimmt, wird es in den kommenden Jahre einen hohen Schuldendienst bewältigen müssen. Wenn Russland die jetzige Kreditaufnahme jedoch verweigert, ist es gezwungen, seine Reserven abzubauen, Programme zu kürzen oder später mit noch größerem Finanzierungsbedarf an den Markt zurückzukehren. Genau das, und nicht die befürchtete Erschöpfung der Staatskasse an einem bestimmten Novembertag, stellt eine systemische Bedrohung dar."
Statt bei den Banken Geld aufzunehmen, könne der Kreml sich das dringend benötigte frische Kapital auch mit einer einmaligen "Übergewinnsteuer" besorgen, argumentiert einer der russischen Beobachter [externer Link], schließlich seien die hochverzinslichen Staatsanleihen für die Banken (bisher) sehr lukrativ und ihr Profit entsprechend hoch.
Fazit eines der tonangebenden anonymen russischen Polit-Blogger [externer Link]: "Niemand versteht, was das Finanzministerium jetzt vor hat, aber es ist klar, dass wieder einmal nichts da ist, um das Haushaltsdefizit zu decken."
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