"Solange Putin existiert, gibt es Russland. Ohne Putin gibt es kein Russland", hatte der russische Parlamentspräsident Wjatscheslaw Wolodin im propagandistischem Überschwang bereits 2014 verkündet und seitdem mehrmals wiederholt [externer Link]. Genau daran knüpfte nun der in London lehrende kremlkritische Politologe Wladimir Pastuchow in einer originellen Analyse an: "Wolodin hat Recht", so das Fazit des Experten, das aber ganz und gar nicht schmeichelhaft für den russischen Präsidenten ausfällt: Der Satz enthalte nämlich eine "schreckliche Wahrheit".
"Mit seinem Tod war alles umsonst"
"Putin ist Russlands größte Schwachstelle in jedem ernsthaften Krieg. Denn wenn es zu einem echten 'nuklearen Nahkampf' kommt, wird er zum wichtigsten, legitimsten und begehrtesten Ziel. Und das versteht jeder ganz von selbst", so Pastuchow. Wenn Putin ausgeschaltet werde, sei das unweigerlich das Ende des gesamten Regimes, denn im Gegensatz zum Iran fehle in Russland eine gemeinsame, volksverbindende "pseudoreligiöse" Ideologie. Putins Macht beruhe daher nur auf der "Parodie des Totalitarismus", also einer sehr vordergründigen, sehr verletzlichen Herrschaftsform ohne politischen Kern.
Nicht von ungefähr sorge sich Putin sehr um seine persönliche Sicherheit: "Diese Besessenheit ist nicht unbedingt ein Zeichen von Feigheit. Sie kann vielmehr darauf hindeuten, dass Putin weiß, dass mit seinem Tod alles umsonst gewesen wäre."
"Krieg ist persönliche Angelegenheit Putins"
Der russische Drohnen-Fachmann und Publizist Alexej Tschadajew folgte dieser Argumentation teilweise [externer Link]. Putins Krieg sei nach wie vor keine "nationale Angelegenheit", das Volk betrachte die Geschehnisse auf dem Schlachtfeld vielmehr mit "Misstrauen und Argwohn": "Unser Feind hätte uns an dieser Schwachstelle wahrscheinlich sogar überrumpeln können. Und er hat es aktiv versucht. Von ihrer Seite wurde uns die vernichtende Botschaft übermittelt, der Krieg sei eine persönliche Angelegenheit Putins, nach dem Motto 'Es ist seine Entscheidung, ihr braucht sie nicht, beseitigt ihn – und ihr werdet Frieden haben.'"
Putin: "Es ist möglich, 150 Jahre alt zu werden"
Nach übereinstimmenden Berichten amerikanischer Medien [externer Link], die sich auf Geheimdienst-Informationen berufen, hat der Kreml die Sicherheitsmaßnahmen für Putin erheblich verschärft. Seine Reisetätigkeit sei nach Attentaten auf russische Generäle drastisch eingeschränkt worden.
So sei Putin seit dem 6. November vergangenen Jahres innerhalb Russlands ausschließlich in der Nähe seiner schwer bewachten Residenzen bei Moskau und St. Petersburg geblieben, heißt es im Exil-Portal "Meduza" [externer Link]: 233 Tage habe Putin Reisen in die russische Provinz gemieden. Umso mehr Aufhebens wurde von einem Flug nach Kasan gemacht, wo Putin ein Gipfeltreffen mit den ASEAN-Staaten besucht.
Infotafel
Gleichzeitig zeigt sich Putin besessen vom Thema Langlebigkeit: "Es ist wahrscheinlich möglich, 150 Jahre alt zu werden", sagte er auf einer Konferenz im vergangenen November [externer Link], nachdem er zuvor mit dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping über Organtransplantation und andere mögliche Rezepte für die Lebensverlängerung geplaudert hatte. Das "Wall Street Journal" wollte Ende Mai erfahren haben, dass Putin sage und schreibe umgerechnet 26 Milliarden US-Dollar in Anti-Ageing-Forschung investieren lässt [externer Link].
"Russland auf medizinischer Weltkarte nicht präsent"
Allerdings zeigte sich der Publizist Wladislaw Inosemtsew "nicht allzu optimistisch", was baldige Forschungsergebnisse betrifft [externer Link]: "Zunächst einmal ist festzuhalten, dass der Transfer medizinischer Technologien und pharmazeutischer Patente nur in eine Richtung verläuft – von westlichen Ländern in den Rest der Welt. Russland war und ist auf der globalen medizinischen Weltkarte nicht präsent."
Die Risiken des "Personenkults" um Putin seien "unübersehbar", heißt es in einem der kremlkritischen Blogs [externer Link]. Putin zum "unverzichtbaren Autokraten" auszurufen, wirke im 21. Jahrhundert "grotesk": "Ein System, das an eine einzige, gebrechliche Führungsperson gebunden ist, ist zum gewaltsamen Zusammenbruch verurteilt, sobald die internen Ungleichgewichte die Angst vor dem Repressionsapparat überwiegen."
Ilja Remeslo, früher Propagandist und inzwischen ein scharfer Putin-Kritiker, sinnierte derweil über eine mögliche Absprache der Kriegsparteien [externer Link], Führungspersonen von Angriffen auszunehmen: "Die persönliche Sicherheit der Eliten ist in diesem Krieg offensichtlich nicht beeinträchtigt. Wenn es anders wäre, wäre er am selben Tag beendet. Das ist unbestreitbar."
Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.
"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!

