Geduld ist gefragt: Die Online-Nachfrage nach den Unterlagen über die Mitgliedschaft in der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei ["Records Relating to Membership in the Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei", externer Link] im National Archive in Washington D.C. ist offenbar außergewöhnlich hoch, seit sie freigeschaltet wurden. Grund dafür: Ohne weitere Anmeldung oder gar eine Antragstellung kann ab jetzt jeder per Mausklick nachschauen, ob und wann seine Vorfahren in die Hitler-Partei eingetreten sind oder aus sonstigen Gründen in den rund 16 Millionen Schriftstücken und Fotos stöbern.
"Schwarz-weiß-Denken keine gute Herangehensweise"
Im Netz wird über etwaige familiäre Recherche-Ergebnisse bereits rege debattiert [externer Link]: "Wenn Sie die Namen Ihrer Verwandten in dieser Datenbank finden, bedeutet das nicht, dass sie wirklich daran glaubten. Sie könnten nur beigetreten sein, um Probleme oder negative Reaktionen zu vermeiden." Oder auch: "Schwarz-Weiß-Denken ist beim Geschichtsstudium keine gute Herangehensweise. Es gibt unzählige Grauzonen." Es wurde auch bemängelt, dass die Online-Suche technisch nicht ganz einfach sei. So will ein Kommentator den Namen seines Opas nicht gefunden haben, obwohl er dessen NSDAP-Mitgliedsnummer kenne.
Zwar liegen die entsprechenden Dokumente im Original im Bundesarchiv in Berlin, dort jedoch heißt es unter dem Punkt "Zugangsmöglichkeiten" [externer Link]: "Recherchen zu einzelnen Personen in der Mitgliederkartei werden auf Antrag durch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bundesarchivs durchgeführt." Historiker allerdings hätten die Möglichkeit, die NSDAP-Kartei "selbständig zu benutzen", was an "bestimmte rechtliche Voraussetzungen und Verpflichtungen geknüpft" sei.
Kritik an Umgang mit Nazi-Akten in Deutschland
"Es gibt ein großes Interesse an Unterlagen zur NS-Zeit", so der Pressesprecher des Bundesarchivs Elmar Kramer gegenüber dem BR. Jährlich würden rund 75.000 Personen-Anfragen zur NSDAP, der Wehrmacht und weiteren Organisationen bearbeitet, dazu kämen rund 30.000 Anfragen zu Stasi-Unterlagen. Allerdings dürften personenbezogene Dokumente abgesehen von den Stasi-Akten nach deutschem Recht erst zehn Jahre nach dem Tod einer Person bzw. 100 Jahre nach ihrer Geburt herausgegeben werden. Kramer stellt für die "kommenden Jahre" in Aussicht, dass NSDAP-Bestände auch in Deutschland online gestellt werden: "Das Thema haben wir auf der Agenda und uns ist auch bewusst, dass es daran ein großes Interesse gibt."
Eine Recherche über das Bundesarchiv habe den Vorteil, dass Archivare "zusätzliche Informationen" liefern könnten: "Es gehört weit mehr dazu, als nur rein zu klicken und dann etwas vermeintlich in Erfahrung gebracht zu haben, es braucht auch Hintergrund-Wissen."
Porträt eines NSDAP-Mitglieds
Am wenig transparenten Umgang der deutschen Archive mit Beständen aus der Nazi-Zeit gab es immer wieder teils heftige Kritik. So sagte der spätere Bundespräsident Joachim Gauck im Oktober 2008 [externer Link]: "Nach dem Zweiten Weltkrieg standen die Opfer der Nazis oft wie Bettler vor den verschlossenen Toren der Archive, weil man meinte, die Persönlichkeitsrechte der Täter mehr schützen zu müssen als die der Opfer. Mit der Öffnung der Stasi-Archive muten wir den Tätern jetzt mehr zu als den Opfern."
"Behörden hatten Zugang"
Die Bundestagsfraktion der Grünen hatte bereits im März 1987 gefordert, "Funktionsträger der NSDAP/SA/SS, sowie Amtsträger in Ausübung ihrer dienstlichen Obliegenheiten" vom Persönlichkeitsrechtsschutz auszunehmen. Auf eine entsprechende Anfrage dazu hatte die Bundesregierung jedoch nur geantwortet (Drucksache 11/2609): "Strafverfolgungsbehörden hatten und haben unabhängig von Sperrfristen jederzeit Zugang zu den Unterlagen."
Die teils grotesken Begleitumstände bei der Rückgabe und Nutzung von NS-Dokumenten hatte die Historikerin Astrid M. Eckert in ihrer Dissertation "Kampf um die Akten" 2004 aufgearbeitet.
NS-Kartei sollte in die Papiermühle
Die Nazi-Zentralkartei sollte kurz vor Kriegsende eigentlich in einer Papiermühle in München-Freimann vernichtet werden, doch der Betreiber zögerte die entsprechenden Arbeiten hinaus und soll das Material unter Altpapier verborgen haben. Im Oktober 1945 nahmen es die Amerikaner in Augenschein und sicherten die 20 Lastwagen-Ladungen. Nur rund ein Fünftel des Gesamtbestandes gilt als verloren. In Berlin wurden die zunächst völlig ungeordneten Karteikarten schließlich alphabetisch sortiert – ursprünglich war die "Gaukartei" geografisch gelistet – und ab 1991 auf Mikrofilm gespeichert.
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