Bislang gibt es in der Aussegnungshalle auf dem Westfriedhof keinen Hinweis auf Maler Oskar Martin-Amorbach (1897-1987). Blickt man bei einer Trauerfeier in der Halle nach oben, so sieht man links und rechts zwei große Fresken mit Totentanz-Motiven des Malers. Und an der Stirnseite einen großen auferstandenen Christus. 1934 hat Maler Oskar Martin-Amorbach die Fresken angefertigt. Und die Zeit des Nationalsozialismus erkennt man durchaus in der künstlerischen Darstellung der Menschen.
Bislang keine Hinweise auf den Maler
Die kunstvollen Bilder sollen allerdings nicht entfernt werden, auch wenn der Maler für Diskussionen sorgt: Er war ab 1937 Mitglied der NSDAP. Und dieser wichtige Hinweis fehle bis heute an dem Werk und auf der städtischen Internetseite, kritisiert die Grünen-Stadträtin Agnes Krumwiede. Sie stellt kritische Fragen: "Hat er in seinen Motiven der ideologischen Weltanschauung der Nazis gedient und dafür gesorgt, dass sie weiterverbreitet werden? Und da würde ich aus meiner Ansicht nach sagen, das ist bei Oskar Martin-Amorbach der Fall. Seine Motive in der NS-Zeit waren überwiegend arische Menschen, blond, arbeitend."
Tatsächlich gehörten ursprünglich auch drei typische Figuren der Nazi-Propaganda zu dem Werk, weiß der Münchner Kunsthistoriker und Archäologe Harald Schulze, der sich intensiv mit Martin-Amorbach auseinandergesetzt hat: einen SA-Mann, einen SS-Mann und einen Arbeitsfront-Mann hatte Martin-Amorbach gemalt. Nach dem Krieg wurden die drei Figuren von Martin-Amorbach übermalt und durch eine Textilarbeiterin, einen Büroangestellten und einen Industriearbeiter ersetzt.
Wunsch nach differenzierter Debatte
Die Bilder zeigen das klassische Totentanz-Motiv: Menschen – in diesem Fall Familien, Ältere, Pfarrer, Krankenschwestern, Soldaten, Arbeiter – streben gemeinsam mit zahlreichen Skeletten zur Stirnseite der Halle – in Richtung einer überdimensionalen Auferstehungsszene mit einem sechs Meter großen Christus. Und da sieht Historiker Schulze auch das Ambivalente in der Arbeit von Martin-Amorbach: "Das entsprach nun keinesfalls der reinen Lehre des Nationalsozialismus, dass deren Vertreter in die christliche Auferstehung geführt werden vom Tod." Tatsächlich hat Martin-Amorbach in seinem Leben auch Kirchen ausgemalt, so zum Beispiel die Wallfahrtskirche Kappl in Waldsassen und das Kloster Gnadenthal in Ingolstadt.
Historiker Schulze und die Stadträtin Krumwiede wünschen sich eine differenzierte Betrachtung des Werkes des Malers. Sie verweisen darauf, dass Martin-Amorbach sehr stark von den Nationalsozialisten profitierte. Adolf Hitler persönlich ließ Werke von ihm ankaufen. Bei den großen deutschen Kunstausstellungen im Haus der deutschen Kunst – heute Haus der Kunst – verkaufte Martin-Amorbach sehr erfolgreich. Und in München ernannte ihn Hitler auch 1939 zum Professor.
In Ingolstadt hat der Stadtrat jetzt beschlossen, den Maler und den Totentanz von Fachleuten bewerten zu lassen und den historischen Kontext dann vor Ort darzustellen. Am 10. Juni wird Historiker Harald Schulze in der Aussegnungshalle mit den neuesten Erkenntnissen einen Vortrag zu Martin-Amorbach und dem Totentanz halten.
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