"Die Geschichte dahinter ist schwer nachzuvollziehen", so der kremlkritische Publizist Ilja Remeslo zu einem aufsehenerregenden Soldatenprotest, der Russlands Militärszene in Atem hält [externer Link]. Im Ausland hat der Fall bereits viele Schlagzeilen gemacht, auch bei der britischen BBC [externer Link] und in der BILD-Zeitung ("Putin fürchtet Aufstand der eigenen Armee").
Es geht dabei um den höchst dubiosen, angeblichen russischen Kriegsveteranen Alexander Lunin, der in Netz-Videos über die Zustände an der russischen Front klagte und damit drohte, die Armee werde auf Moskau marschieren, wenn er nicht bald mit Putin im Fernsehen auftreten dürfe, um über die Missstände zu sprechen.
"Im Moment sitzen Zehntausende unserer Soldaten in Erdlöchern, bestraft von ihren Kommandeuren. Sie verrotten dort, Folter und Gewalt durch die sogenannte Gestapo ausgesetzt", so Lunin: "Weil sie sich weigerten, dumme, selbstmörderische Befehle auszuführen. Weil sie sich weigerten, ihr Geld herauszugeben. Und schließlich werden sie ausgelöscht, als vermisst gemeldet."
Kremlsprecher: "Recht merkwürdig"
So undurchsichtig Lunins Rolle auch sein mag, fest steht, dass er auf Instagram mit seiner öffentlichen Beschwerde gegen die russischen Befehlshaber in kürzester Zeit zwölf Millionen Abrufe hatte. Der oben erwähnte Kommentator Ilja Remeslo (124.000 Fans) schließt nicht aus, dass es sich dabei um eine ukrainische Geheimdienstaktion oder sonst eine Instrumentalisierung von Lunin handelt.
Auffällig, dass sich umgehend Kremlsprecher Dmitri Peskow zu Lunins Auftritt äußerte [externer Link], wenn auch ausweichend: "Uns wurde von einer solchen Anfrage berichtet, aber wir hatten noch keine Gelegenheit, sie zu lesen. Dem Anschein nach zu urteilen, klingt das recht merkwürdig; wir müssen das erst einmal lesen." Ob Lunin wirklich nach Moskau eingeladen wurde, wie er selbst behauptete, blieb zunächst offen.
"Totale Zensur" helfe nicht gegen die "tiefe Unzufriedenheit" der Soldaten, meinte einer der russischen Beobachter, der eine Meuterei "nur noch für eine Frage der Zeit" hält [externer Link]: "Neue radikale Appelle von der Front zeigen, dass der blinde Glaube des Kremls an seine eigene Unfehlbarkeit zu einer weiteren Führungskrise führt."
"Nerv getroffen"
Journalist Dmitri Kolesjew bemerkte [externer Link], die Gründe für Lunins Beschwerde seien "durchaus real", gleichwohl handle es sich wohl eher um eine "Einzelmeinung". Das könne den Kreml jedoch kaum beruhigen: "Putins Zögern, den Krieg zu beenden, lässt sich vielleicht teilweise durch die Befürchtung erklären, dass eine große Anzahl solcher Menschen Ansprüche gegen die politische Führung des Landes wegen des verlorenen Krieges und des sinnlosen Todes Hunderttausender Menschen erheben wird."
"Der Zar ist gut, die Bojaren sind schlecht"
Politikberater Abbas Galljamow (87.000 Fans), jetzt im Exil lebend und früher Redenschreiber im Kreml, verweist darauf [externer Link], dass die russischen Soldaten eine "starke Abneigung" gegen Armeechef Waleri Gerassimow hätten: "Veteranen und aktive Soldaten haben sich ein klares Bild von einem Befehlshaber gemacht, der – sei es aus Inkompetenz oder aus anderen Gründen – die Armee zerstört hat."
Infotafel
In einem der anonymen russischen Polit-Blogs heißt es [externer Link], der "Marsch auf Moskau", den Söldnerführer Jewgeni Prigoschin einst begonnen hatte, sei keineswegs vergessen: "Es handelt sich dabei nicht um einen Versuch, die Macht zu ergreifen, sondern um den Wunsch einzelner Militärangehöriger, sich direkt an den Präsidenten zu wenden und dadurch die staatlichen Institutionen zu umgehen."
Diese Wunschvorstellung sei tief in der russischen Tradition verwurzelt, nach dem Motto "Der Zar ist gut, die Bojaren sind schlecht".
"Menschen haben nun mal Gefühle"
Russische Leser sparten nicht mit Spott für Lunin [externer Link]: "Findet er ein Auto [um nach Moskau zu fahren], wird er dort nicht ankommen, weil ihm der Sprit ausgeht. Die optimistischste Möglichkeit ist, dass er einfach verhaftet oder in eine psychiatrische Klinik eingewiesen wird." Andere fürchteten, es könne bald ein "Unfall" [wie bei Prigoschin] passieren: "Russische Behörden sprechen nicht mit der Bevölkerung."
Militärblogger Alexander Chodakowski seufzte [externer Link]: "Wir haben Dinge, die kritikwürdig sind, und vor diesem Hintergrund hat der Feind gewisse Erfolge erzielt bei seinen Versuchen, uns zu untergraben. All das ruft bestimmte Gefühle hervor, aber Menschen haben nun mal Gefühle."
Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.
"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!

