"Der Sieg über den Feind ist immer eine Folge und das Ergebnis des Sieges über sich selbst, die Veränderung von einer Verlierer- in eine Gewinner-Mentalität. Der Hauptgrund für unser gegenwärtiges Scheitern ist unsere Missachtung dieser gesellschaftlichen Gesetzmäßigkeit", so der russische Publizist und Drohnen-Fabrikant Alexei Tschadajew [externer Link], der Russland ein "inakzeptabel langsames Veränderungstempo" bescheinigte und deshalb ein baldiges Kriegsende forderte.
Gleichzeitig drängte Tschadajew (92.000 Fans) auf "schrittweise" innenpolitische Reformen: "Denn der größte Nachteil des Feudalismus ist, dass 'Bauern nicht kämpfen'. Sie haben schlicht kein Motiv und können in einem Klassensystem auch keines haben." Damit verglich der Kommentator Putins Regime unausgesprochen mit der Herrschaft der russischen Zaren, als Bürger wie Bauern weitgehend rechtlos und daher politisch irrelevant waren.
"Das System ist gelähmt"
Ähnlich beurteilen andere einflussreiche russische Polit-Blogger die aktuelle Situation [externer Link]: "Das russische autokratische Modell weist eine fundamentale Schwäche auf: Es ist von Natur aus unfähig zu vorausschauendem Handeln, das die Anerkennung von Problemen voraussetzt." Die gesamte Machtstruktur beruhe auf "Loyalität statt Effizienz".
Putin selbst sei dafür ein trauriges Beispiel, so der anonyme Beobachter mit 150.000 Abonnenten: "Wann immer ein schwerwiegender Notfall eintritt, verschwindet der Präsident für mehrere Tage aus den Nachrichten. Das liegt daran, dass Autokraten panische Angst davor haben, mit Fehlern in Verbindung gebracht zu werden und Verantwortung zu übernehmen – selbst in Worten, geschweige denn in Taten. Das System ist gelähmt und wartet auf Befehle, die niemand zu erteilen wagt, bis es zu spät ist."
Der kremlkritische Politologe Andrei Kalitin behauptete [externer Link], die Fortsetzung des Krieges sei für die Kreml-Elite nicht mehr "profitabel", deshalb müsse Putin mit einer Bedrohung seiner Position von innen rechnen: "Die Sturheit des Zaren, einen Vormarsch bis an die Grenzen des Donbass zu fordern, gerät zunehmend in Konflikt mit den Interessen seines Umfelds und der Realität. Aus einem Bunker heraus ist die wahre Lage unsichtbar; es gibt keine Fenster. Aber nicht jeder hat einen Bunker."
"Wir werden den Krieg verlieren"
Der inhaftierte, sich aber dennoch zu Wort meldende Ultrapatriot Igor Strelkow (370.000 Fans) schließt sich dieser Analyse an [externer Link]: "Wenn wir im selben Geist wie bisher weitermachen, werden wir den Krieg verlieren. Es wird keine Verständigung geben; es wird nach einiger Zeit eine beschämende Niederlage und Kapitulation geben, der militärische Niederlagen an der Front vorausgehen."
Infotafel
Nur wenn "grundlegend neue Personen" die Führung übernähmen, könne sich daran etwas ändern: "Generell ist die Entscheidung sehr schwierig, insbesondere für diejenigen, die geplant hatten, im Amt zu sterben und die Macht mit erhobenem Haupt abzugeben. Sie muss jedoch getroffen werden, denn andernfalls werden es unsere Feinde für uns tun."
"Putin wird überrascht sein"
Publizist Dmitri Petrowski schimpfte, Putin habe seine "letzte Chance" vertan [externer Link]. Der Präsident erinnere ihn mittlerweile an den Nachtwächter aus dem Märchen "Aladdin und die Wunderlampe": "Anstelle dieses Nachtwächters haben wir unseren Präsidenten, der auf allen möglichen Foren und Treffen spricht und ständig verkündet: 'In Russland ist alles ruhig.' Nun, genau wie der Nachtwächter nicht wusste, dass in Bagdad ein Dschinn aus der Lampe gekrochen war, dass es dort einen bösen Zauberer gab und allerlei Abenteuer passierten, so weiß auch unser Präsident vieles nicht, was im Lande vor sich geht. Er wird überrascht sein, wenn er es erfährt. Ich möchte sein Gesicht in diesem Moment sehen."
"Was auch immer geschieht"
Die vermeintliche Entscheidungsscheu Putins erklärte ein weiterer russischer Beobachter so [externer Link] - ein Waffenstillstand könne als Kapitulation verstanden werden, eine Eskalation könne China und die USA verärgern, gesellschaftliche Reformen könnten als Schwäche des Kremls interpretiert werden: "Daher scheint die einzige Option vorerst darin zu bestehen, den Status quo beizubehalten und darauf zu hoffen, dass sich die Lage irgendwie bessert oder 'von allein erledigt' oder was auch immer geschieht."
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