Porträt des russischen Wirtschaftsexperten im Juni 2021
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Volkswirt Andrei Klepach
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"Wir verlieren gegen Ukraine": Ließ Putin Star-Ökonom feuern?

"Wir verlieren gegen Ukraine": Ließ Putin Star-Ökonom feuern?

Weil er sich kritisch zu den russischen Kriegsaussichten äußerte, verlor Andrei Klepach, der Chefvolkswirt der staatlichen russischen Bank für Außenwirtschaft (VEB) seinen Job. Das sorgt für große Nervosität: "Unabhängige Expertise wird verboten."

Über dieses Thema berichtet: BR24 Mastodon am .

Was der prominente Chefvolkswirt der russischen VEB-Außenwirtschaftsbank (nicht zu verwechseln mit der VTB-Bank), Andrei Klepach, am 21. Mai dieses Jahres in einer Rede vor einem russischen Wirtschaftsclub [externer Link] gesagt haben soll, dürfte Putin wenig erfreut haben: "Wir werden diesen Abnutzungskrieg nicht gewinnen. Wir unterliegen der Illusion, dass alles zusammenbrechen wird. Das ist nicht passiert, und das wird es auch nicht. Unsere Kosten steigen."

Russland "verliere" gegenüber China und den USA, so Klepach in seinem Rede-Text, der erst Ende Juli veröffentlicht wurde, in "mancher Hinsicht" aber auch gegen die Ukraine: "Die ukrainische Wirtschaft ist natürlich teilweise zerstört; es ist eine demografische Katastrophe. Aber trotz allem überlebt die ukrainische Wirtschaft. Natürlich gibt es enorme finanzielle Unterstützung." Das Fazit des Bankers: "Ich glaube nicht, dass Russland zusammenbrechen wird, aber ich bin mir fast sicher, dass wir in eine soziale Krise geraten werden. Wirtschaftlich werden wir nicht zusammenbrechen, aber unser Rückstand wird sich vergrößern, mit allen damit verbundenen Konsequenzen."

"Zutiefst fehlerhafter Ansatz"

Jetzt berichteten russische Medien, Klepach sei ohne Angabe konkreter Gründe gefeuert worden [externer Link]: "Wir werden sehen, was die Zukunft bringt." Die staatseigene Nachrichtenagentur TASS behauptete, Klepach sei "zurückgetreten": "Er bekleidet nicht länger die Position des Chefökonomen bei VEB. Eine neue Person, deren Kandidatur bereits feststeht, wird in Kürze für diese Position ernannt."

Russische Exil-Medien, etwa die in Amsterdam erscheinende "Moscow Times", wollen unter Berufung auf Informanten erfahren haben [externer Link], dass der Banker auf einen "Wink von oben" seinen Job verlor.

So oder so sorgte der Vorfall für großes Aufsehen: "Die staatseigene VEB-Bank und die der offiziellen Linie treu ergebenen Ökonomen verweigerten Klepach eine inhaltliche Debatte oder einen Dialog. Er wurde schlichtweg rausgeworfen. Das ist der Preis für die Äußerung von Expertenmeinungen, die von der Lobpreisung der aktuellen Wirtschaftspolitik abweichen. Unabhängige Expertise wird somit verboten", klagte Politologe Georgi Bovt: "Das ist ein zutiefst fehlerhafter Ansatz. Schon zu Stalins Zeiten gab es Menschen, die sich in Wort und Tat gegen das Prinzip 'alles wie er will' auflehnten. Dies ermöglichte unter anderem den Sieg im Großen Vaterländischen Krieg."

"Oh mein Gott"

Wirtschaftsblogger Igor Lipsitz schrieb entsetzt [externer Link]: "Oh mein Gott, ich dachte erst, das wären Fake News. Aber nein..." Ökonomin Alexandra Prokopenko vom Carnegie Berlin Center meinte [externer Link]: "Der Rauswurf Klepachs – eines der besten Volkswirte Russlands – wird die drohende Krise, vor der er immer wieder warnt, wohl kaum hinauszögern. Nur bezahlte Propagandisten, nicht aber angesehene Ökonomen, können das Problem der kaum über Null liegenden Wirtschaftswachstumsraten und des Investitionsrückgangs angesichts steigender, unproduktiver Verteidigungsausgaben verkennen."

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Infotafel

Politikwissenschaftler Andrei Kalitin argumentierte [externer Link], der Kreml traue niemandem, höre auch niemandem zu und lese "nichts Unnötiges": "Es ist daher unwahrscheinlich, dass Wladimir Putin die Äußerungen von VEB-Chefökonom Andrei Klepach mitbekommen hat. Laut Klepach steuert Russland unweigerlich auf eine 'soziale Krise' zu, die eintreten werde, 'wenn niemand damit rechnet'. Aber auch die Februarrevolution [von 1917] hatte niemand erwartet. Lenin schrieb im Dezember 1916: ‚Wir werden sie nicht mehr erleben‘, doch nur wenige Monate später geschah es."

"Völlige Sterilität jeglicher Debatte"

Das außenpolitische russische Fachblatt "Global Affairs" kommentierte überraschend wohlwollend [externer Link]: "Andrei Klepach ist ein Mann von herausragender Professionalität, sehr prinzipientreu und ehrlich. Er wird seinen Platz im Team finden, daran besteht kein Zweifel."

In einem weiteren Polit-Blog war zu lesen [externer Link]: "Die Ironie und das Paradox dieses Konflikts liegen darin, dass die staatlich gesteuerte Wirtschaft von Leuten wie Klepach aufgebaut werden sollte, während Liberale ihr logischerweise hätten entgegentreten müssen. Das führt zum unumstößlichen Prinzip: völlige Sterilität jeglicher Debatte, die uns helfen könnte, die Richtigkeit des eingeschlagenen Weges und die Fehler zu erkennen. Es gibt keine Diskussion, sie wird vermieden. Klepach ist ein Paradebeispiel dafür."

Vielen Russen wird es wohl ergehen wie dem Blogger Sergei Koljasnikow (445.000 Fans) [externer Link]: "Ich wurde neugierig darauf, was Klepach gesagt hat."

Leser des St. Petersburger Portals "Fontanka" [externer Link] schrieben, wie auch einflussreiche Exil-Blogger: "Es ist gefährlich, die Wahrheit zu sagen." Oder auch: "Er hat nur das Offensichtliche ausgesprochen, jetzt muss er dafür bezahlen."

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