Jean-Pierre Felix Eyoumer klärt an Schulen über die Kolonialzeit auf. Kürzlich ist er mit dem Bundesverdienstkreuz geehrte worden.
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Jean-Pierre Felix Eyoumer klärt an Schulen über die Kolonialzeit auf. Kürzlich ist er mit dem Bundesverdienstkreuz geehrte worden.
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Jean-Pierre Felix Eyoumer klärt an Schulen über die Kolonialzeit auf. Kürzlich ist er mit dem Bundesverdienstkreuz geehrte worden.

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Zwischen Oberbayern und Kamerun: Aufarbeitung der Kolonialzeit

Zwischen Oberbayern und Kamerun: Aufarbeitung der Kolonialzeit

1914 erhängten die deutschen Kolonialherren den König der Kameruner, weil er sich gegen ein neues Rassegesetz wehrte. Sein Großneffe lebt heute in Bayern und klärt an Schulen über die Kolonialzeit auf. Das Ziel: Seine zwei Heimatländer zu versöhnen.

Über dieses Thema berichtet: Abendschau - Der Süden am .

Was heute nicht mehr viele wissen: Vor mehr als 120 Jahren wurde Kamerun eine deutsche Kolonie. Im November 1884 fand in Berlin die sogenannte "Kongo-Konferenz" statt. Damals wurde mit dem Lineal der afrikanische Kontinent aufgeteilt, ohne dass ein Afrikaner am Tisch saß. 1914 erhängten die deutschen Kolonialherrscher dann den damaligen König der Kameruner, Rudolf Manga Bell vom Stamm der Douala, weil er gegen ein neues Rassengesetz aufbegehrte.

Ziel: Versöhnung zwischen Deutschland und Kamerun

Was viele auch nicht wissen: Der Großneffe des damaligen Widerstandskönigs heißt Jean-Pierre Felix Eyoumer, er wohnt seit vielen Jahren im oberbayerischen Dorfen, und setzt sich für die Aufarbeitung der deutschen Kolonial-Vergangenheit und für die Versöhnung zwischen Deutschland und Kamerun ein. Kürzlich war Jean-Pierre Felix Eyoumer an der städtischen Berufsschule im Münchner Norden zu Gast und besuchte eine 11. Klasse.

Eyoumer hat viel zu erzählen, was im kollektiven Gedächtnis bei uns nicht vorkommt: Die deutsche Kolonialgeschichte Ende des 19. Jahrhunderts ist für die Kameruner eine Geschichte von wirtschaftlicher Ausbeutung, Zwangsarbeit und Vertreibung. "Die Deutschen machen sich eine romantische Vorstellung von der Kolonialzeit. Und ich muss sagen: Das ist eine Verharmlosung der Verbrechen und manchmal sind es sogar Lügen", sagt er, als er vor der Klasse steht.

In Oberbayern zu Hause, mit dem Stammeskönig verbunden

Jean-Pierre Felix Eyoumer hat bis heute Kontakt zu seinem Großcousin, dem aktuellen Stammeskönig in Kamerun. Er selbst ist in der größten Stadt des Landes Douala geboren. 1967, mit 15 Jahren, schickten ihn seine Eltern nach Frankreich. Dort lernte er auch deutsche Freunde kennen und besuchte sie in Bayern, blieb schließlich dort, studierte in München, heiratete, wurde Berufsschullehrer und deutscher Staatsbürger.

Heute lebt der 72-Jährige mit seiner Frau im oberbayerischen Dorfen. Sie haben zwei Kinder. "Meine Erfahrung mit Deutschland war am Anfang sehr positiv. Dann aber erfuhr ich, was mit meinem Großonkel passiert ist. Da dachte ich mir: Das ist doch nicht gerecht. Das ist doch nicht wahr. Das können Sie doch nicht gemacht haben!"

Am Anfang der Erinnerung steht private Recherche

Er beginnt, sich mit der Kolonialgeschichte zu beschäftigen: Die Deutschen vertrieben damals in Kamerun viele Einheimische oder verpflichteten sie zur Zwangsarbeit, um Rohstoffe abzubauen. Jean-Pierre Felix Eyoumers Großonkel, König Rudolf Manga Bell, studierte fünf Jahre in Deutschland und wurde danach in Kamerun König. Sein Großonkel hatte eigentlich einen guten Kontakt zu den deutschen Kolonialherren, aber als er sich gegen eine Umsiedlung wehrte, wurde er hingerichtet.

Kamerun ist heute geprägt von hoher Arbeitslosigkeit und Armut. Aber es finden sich noch überall Überbleibsel der deutschen Kolonialzeit: Kirchen, Paläste und Bahnhöfe, die von den Deutschen erbaut wurden. Vor der früheren Polizeistation, in der Rudolf Manga Bell inhaftiert wurde, steht heute eine Infotafel mit einem geschichtlichen Abriss zum Widerstandskönig. Auch der Baum, an dem er 1914 erhängt wurde, steht noch. Alexis Bolanga Ndoumbe, der Pressesprecher des aktuellen Königs der Douala, sieht im BR-Gespräch die Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit auf einem guten Weg: "Die Taten werden nicht in Vergessenheit geraten. Aber immerhin fängt man in Deutschland langsam an, sich an diesen Teil der Geschichte zu erinnern."

Engagement für Rückgabe afrikanischer Kunstschätze

Jean-Pierre Felix Eyoumer ist nur noch selten in Kamerun. Seine neue Heimat ist Bayern und das seit über 50 Jahren. Aber der Aufarbeitung und der Völkerverständigung hat er sich weiterhin verschrieben, er hält Vorträge und setzt sich für die Rückgabe von konfiszierten afrikanischen Kunstschätzen ein. Durch sein Engagement wurden auch mehrere Straßen in Deutschland umbenannt.

Für die Versöhnungsarbeit erhielt Jean-Pierre Felix Eyoumer kürzlich das Bundesverdienstkreuz. Und Kamerun steht dieses Jahr auch im Fokus der Fastenaktion des katholischen Hilfswerks Misereor.

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