Auf dem Trainingsplatz am Valznerweiher schwitzt die wichtigste Wertanlage des 1. FC Nürnberg in der heißen August-Sonne. Am Horizont sieht man die Flutlichtmasten des Max-Morlock-Stadions aufragen, direkt nebenan trainiert zeitgleich die erste Mannschaft des FCN, die Anweisungen von Cheftrainer Miroslav Klose hört man bis hierhin. Den Traum, von den Flutlichtmasten dort am Horizont einmal angestrahlt zu werden, die Anweisungen von Klose zu erhalten, haben die meisten Fußballer in der U23 des fränkischen Zweitligisten.
Brown, Uzun, Jeltsch - der Club produziert große Spieler im Akkord
So weit entfernt das Max-Morlock-Stadion scheint: Beim FCN schaffen die Nachwuchsspieler aktuell in großer Regelmäßigkeit den Sprung in die erste Mannschaft und in den Profifußball. Beim 3:0-Sieg über Dynamo Dresden zum Saisonauftakt standen mit Tim Janisch (20) und Eric Porstner (19) zwei Spieler aus dem eigenen Nachwuchs in der Startaufstellung. Mit Piet Scobel und Jan Reichert standen zwei weitere Spieler, die den Sprung aus der zweiten Mannschaft zu den Profis geschafft haben, in der ersten Elf. Tobias Heß (20), eigentlich Teil der U23, gab sein Profidebüt.
"Immer wenn ein Junge von uns drüben im Max-Morlock-Stadion landet, dann ist für uns ein Festtag", sagt Dieter Frey, der einer der Hauptverantwortlichen dafür ist, dass die Nachwuchsarbeit des FCN zur Erfolgsgeschichte wurde. Schließlich sind nicht nur beim FCN selbst jede Menge Nürnberger Eigengewächse unterwegs. Mit Can Uzun (Eintracht Frankfurt), Nathaniel Brown (FC Bayern) und Finn Jeltsch (VfB Stuttgart) hat der Club drei der größten Talente im deutschen Fußball hervorgebracht. Mit diesen Spielern im Kader wäre der FCN ohne Zweifel Favorit auf den Aufstieg.
Im Audio: Frankens "La Masia" - das erfolgreiche Nachwuchskonzept des FCN
FCN-Cheftrainer Miroslav Klose (rechts) im Gespräch mit Eric Porstner und Tim Janisch (Mitte).
Aus der Not eine Tugend - klamme Kasse führte beim Club zum Umdenken
Doch auch wenn der Weggang der Spieler sportlich ein großer Verlust war, so spülte er doch viel Geld in die Kassen des Vereins. "Wir sind finanziell nicht auf Rosen gebettet", sagt Dieter Frey im Gespräch mit BR24Sport und fügt an: "Die letzten Jahre haben gezeigt, dass jeder Euro, den man in den Nachwuchs bei uns investiert, dass der wirklich sehr, sehr gut angelegt ist. Wenn man da mal eine Renditerechnung aufmachen würde, wäre die ziemlich gut."
Frey am Trainingsplatz der U23 und diskutiert mit seinen Kollegen Lucas Grundeis und Reinhold Hintermaier über die Spieler, die womöglich als Nächste den Schritt ins Team von Miroslav Klose schaffen können. Vor sechs Jahren machte die Corona-Pandemie den Fußballvereinen finanziell zu schaffen und Frey war gemeinsam mit Michael Wiesinger einer der treibenden Kräfte, den Fokus mehr auf Eigengewächse zu setzen. Wiesinger wurde mittlerweile vom FC Bayern abgeworben und soll nun in München Talente bereit für den Profifußball machen. Frey hat seit Februar offiziell Wiesingers Posten in Nürnberg übernommen.
Der "Club-Weg" - wie der FCN seine Nachwuchsarbeit umkrempelte
Vor sechs Jahren legten die beiden gemeinsam Grundsätze fest, die dazu führen sollten, dass der Club heute eine der erfolgreichsten Nachwuchsabteilungen im deutschen Profifußball haben würde. Das Motto damals: "Lieber einen Plan, der nicht perfekt ist, konsequent umsetzen, als jahrelang zu überlegen und immer zu schauen, was andere machen", so Frey.
So entstand das, was der ehemalige Profi als den "Club-Weg" bezeichnet und die Nachwuchsarbeit wurde zur DNA des Vereins - ähnlich wie der FC Barcelona seine Stärke aus der eigenen Jugendakademie "La Masia" zieht, investiert der FCN sehr viel in die Ausbildung junger Spieler. Zusätzliche Co-Trainer in allen Jugendmannschaften, die den Austausch mit den jungen Sportlern verbessern sollten, Fokus auf Individualtraining, selbständiges Arbeiten der Spieler, eine Spielidee, die je nach Altersstufe intensiver erlernt werden soll. 35 Spielregeln, in vier Spielphasen unterteilt, sollen den Spielern Lösungen bereitstellen, wenn sie auf dem Platz unter Bedrängnis geraten.
Spielen statt Taktiktraining - "Will keine 500 Hütchen auf dem Platz sehen"
"Ich glaube, wir hatten in Deutschland eine Phase, in der wir uns in der Ausbildung zu viel mit Taktik beschäftigt haben", sagt Frey. "Bei uns steht Spielen im Training absolut im Vordergrund. Ich will bei uns im Training keine 500 Hütchen auf dem Platz sehen, keine Trainingsszenen aus dem Profifußball, wo der Trainer 27 Mal das Spiel anhält. Die besten Spieler der Welt sind in den Basics besser. Die nehmen den Ball besser an, die passen besser, flanken besser, schießen besser, führen bessere Zweikämpfe. Das muss man üben, üben, üben und dann wird man vielleicht Weltklasse." Die aktuelle Debatte um den DFB-Nachwuchs, die seit dem frühen WM-Aus geführt wird, sieht Frey gelassen. Er denkt, Deutschland befindet sich auch dank der Innovationen von DFB-Nachwuchssportdirektor Hannes Wolf auf einem guten Weg. "Wir haben in Deutschland gute Jungs und werden es auch weiterhin haben", erklärt Frey und möchte selber dazu beitragen, dass die es auch in den Profibereich schaffen.
Alle zwei bis drei Wochen berät Frey mit Cheftrainer Miroslav Klose, Co-Trainer Javier Pinola, Sportvorstand Joti Chatzialexiou und den Nachwuchstrainern Andy Wolf und Dominik Tekeser darüber, welche Spieler bereit für den Sprung zu den Profis sind. Dass dieser Sprung nicht allzu groß ist, liegt auch daran, dass Profi-Team und U23 häufig zeitgleich trainieren. Die Teams sind eng vernetzt. Die Profis wissen, wie wichtig die Nachwuchsstrategie ist: "Das ist genau das, was der Verein will: junge Spieler ausbilden, jungen Spielern eine Chance geben. Wir haben eine riesige Qualität in der Akademie", erklärt Vizekapitän Julian Justvan und fügt an: "Es ist natürlich auch für uns gut, diese Spieler zu integrieren und aufzunehmen."
FCN als fränkisches Athletic Bilbao? "Fände ich cool"
Ein weiterer Grundsatz: der Fokus auf Talente aus der Region. Der ehemalige Mathelehrer Frey hält nichts davon, Jugendliche aus ihrem gewohnten Umfeld herauszureißen. "Es ist einfach nachgewiesen, dass jeder Wechsel zwischen den Akademien die Chance senkt, Profi zu werden. Und ich habe als Lehrer mitbekommen, was die Jungs teilweise für Schwierigkeiten in Mathe haben, wenn sie aus einem anderen Bundesland kommen." Potenzial, findet er, gibt es ohnehin genug: "Wenn man sich Kap Verde bei der WM anschaut, die haben 530.000 Einwohner, was in etwa die Einwohnerzahl von Nürnberg ist. Wir sollten hier finden, was wir brauchen".
Zwar hat das Team um Vozinha für die WM freilich auch viele Spieler rekrutiert, die außerhalb des Inselstaats geboren wurden, aber wenn man die Metropolregion Nürnberg (3,5 Millionen Einwohner) oder ganz Franken und die Oberpfalz (6,1 Millionen) miteinbezieht, ist der Talentpool ähnlich groß wie der von Norwegen. Und so formuliert Frey seinen persönlichen Wunsch für den FCN: "Also so eine Idee wie Athletic Bilbao, die spielen nur mit Basken, fände ich cool".
Soldic und Kornwachs - die nächsten Diamanten im FCN-Nachwuchs
Von diesem Wunsch ist der Club zwar noch ein gutes Stück entfernt. Zu klein momentan die sportliche Perspektive, die der FCN seinen größten Talenten aktuell bieten kann, zu groß die Verlockung, bei großen Vereinen großes Geld zu verdienen. Ein Bundesliga-Aufstieg würde das Halten des hochtalentierten Nachwuchses deutlich erleichtern. Dass der nicht so schnell versiegen wird, zeigt sich mit Blick auf den Kader von Miro Klose.
Dort trainiert seit diesem Sommer nicht nur Marko Soldic mit, der in der vergangenen Spielzeit der jüngste FCN-Profi der Geschichte (16 Jahre, 23 Tage) wurde, sondern auch Mark Kornwachs (17). "Korni ist eine Maschine, was das Läuferische angeht. Er ist sehr präsent und spielfreudig, trifft gute Entscheidungen", erklärte Klose jüngst. Beide Spieler kommen aus Franken, haben die Spielidee verinnerlicht, trainieren seit mehr als acht Jahren beim FCN - immer mit den Flutlichtmasten des Max-Morlock-Stadions im Hintergrund. Der Club-Weg eben.

