Beim TSV 1860 München, der am vergangenen Sonntag zu Hause nicht über ein 1:1 gegen den TSV Landsberg hinauskam, richtet sich der Blick auf die kommenden Tage. Zum 1. September läuft die Frist für die vorläufige Insolvenzverwaltung über die TSV München von 1860 GmbH & Co. KGaA aus.
Dann steht die wegweisende Entscheidung bevor, ob in ein reguläres Insolvenzverfahren übergegangen werden soll. "Daher wird das eine maßgebliche Woche, die den gesamten Verein, die Spielbetriebsgesellschaft und das komplette Konstrukt betrifft", sagte 1860-Geschäftsführer Manfred Paula im Interview mit dem BR. "Das liegt in der Hand des vorläufigen Insolvenzverwalters."
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1860 München kommt aus schwierigen Monaten
Die TSV München von 1860 GmbH & Co. KGaA hatte am 23. Juni einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens gestellt. Das Amtsgericht München bestellte am 25. Juni den Münchner Dr. Max Liebig zum vorläufigen Insolvenzverwalter, der sich seither ein umfassendes Bild von der wirtschaftlichen und operativen Situation der betroffenen Gesellschaften gemacht hat. Die Gehälter der Profiabteilung waren dabei zunächst bis mindestens Ende August über das Insolvenzgeld abgesichert. Diese Frist läuft nun ab.
Für den Verein war schon vor dem offiziellen Antrag auf die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens klar, dass der Spielbetrieb unabhängig von der bisherigen KGaA abgesichert werden musste. Die Mitglieder hatten den Weg für eine neue Spielbetriebsgesellschaft freigemacht. Diese wurde schließlich Anfang Juli gegründet. Seitdem organisiert sie unter anderem den Regionalliga-Spielbetrieb.
Für den Neustart der Löwen hat die neue Spielbetriebs-GmbH einen Servicevertrag mit der KGaA abgeschlossen, der die Nutzung der bestehenden Strukturen und die Leihe der bei der KGaA unter Vertrag stehenden Spieler ermöglichte.
Mögliche Szenarien ab dem 1. September
Nach Ablauf der Frist am 1. September entscheidet der Insolvenzverwalter Dr. Max Liebig darüber, wie es weitergeht. Möglich wären folgende Szenarien:
Szenario 1: Insolvenzverfahren wird eröffnet
Die Voraussetzungen dafür sind, dass alle beteiligten Parteien ein Insolvenzverfahren wollen und der Insolvenzverwalter festgestellt hat, dass die KGaA noch genügend Mittel zur Finanzierung eines Insolvenzverfahrens zur Verfügung hat. Mittels eines Insolvenzplans wird dann die Fortsetzung des Geschäftsbetriebs der KGaA gesichert. Die Frage ist jedoch, wie sinnvoll eine Sanierung der KGaA ist, wenn das Spielrecht beim e.V. liegt und die KGaA somit keinen Spielbetrieb sicherstellen kann.
Ein Beispiel für ein Insolvenzverfahren bei einem Fußballverein gibt der 1. FC Kaiserslautern im Sommer 2020. Der damalige Insolvenzverwalter Dirk Eichelbaum erklärte gegenüber BR24Sport die Folgen eines Insolvenzverfahrens für die Spieler wie folgt: "Wenn das Verfahren eröffnet wird, dann besteht ein Sonderkündigungsrecht sowohl für den Insolvenzverwalter als auch für den jeweiligen Spieler oder für alle Arbeitnehmer. Er kann mit einer Frist von 3 Monaten dann kündigen. Also auch ein Spieler kann mit dieser verkürzten Frist kündigen, auch wenn er noch einen Dreijahresvertrag hätte beispielsweise."
Sollten die Spieler von diesem Sonderkündigungsrecht Gebrauch machen, wären sie in drei Monaten ablösefrei auf dem Markt verfügbar und könnten innerhalb der nächsten Transferperiode von einem neuen Verein verpflichtet werden.
Die Fans, die sich vor Bekanntgabe des Zwangsabstiegs bereits Tickets für die 3. Liga gesichert hatten, wären laut Eichelbaum Teil der Gruppe der Gläubiger. Große Hoffnungen auf eine Rückerstattung der Zahlungen können sie sich allerdings nicht machen, da es sich um mehrere hundert Einzelpersonen handelt. "Für einfache Gläubiger ist typischerweise in Vereinsinsolvenzen keine große Aussicht auf Erfolg da", so Eichelbaum.
Szenario 2: Liquidation der KGaA
Wenn die KGaA nicht genügend Mittel zur Bezahlung eines Insolvenzverfahrens aufweisen kann, wird sie abgewickelt. Das heißt, dass der Geschäftsbetrieb endet. Der Insolvenzverwalter verwertet die vorhandenen Vermögenswerte und verteilt die Erlöse an die Gläubiger. Dieses Szenario hält Eichelbaum für ungewöhnlich: "Das ist ein sehr unerwünschter Zustand, weil dann würden sich auch die ganzen Beschäftigten der KGaA auf einmal de facto in einem rechtsfreien Zustand befinden." Darunter versteht man, dass sie Verträge mit einer aus dem Handelsregister gelöschten KGaA besitzen würden. "Das halte ich für sehr unrealistisch, dass das Verfahren gar nicht eröffnet wird."
Szenario 3: Einigung zwischen e.V. und Investor
Eine weitere Möglichkeit ist, dass eine späte Einigung zwischen Verein und Investor erzielt und eine Bereinigung offener Forderungen bewirkt wird. Damit könnte eine Insolvenz abgewendet werden. Das ist allerdings aufgrund der bestehenden Konflikte zwischen den Parteien höchst unwahrscheinlich. Außerdem hatte 1860-Präsident Gernot Mang Ende Juli noch bestätigt, dass zwischen dem e.V. und Hasan Ismaik kein Kontakt bestehe.
Was bedeutet das für den Spielbetrieb?
Für 1860 entscheidend: Die Insolvenzeröffnung selbst bedeutet nicht das Aus des Vereins oder des laufenden Spielbetriebs. Entscheidend ist vielmehr, wie sauber die neue Spielbetriebsgesellschaft von der alten KGaA getrennt werden kann – und was mit Mitarbeitern, Spielerverträgen, Infrastruktur und weiteren bestehenden Verbindungen passiert.
Außerdem müsse der Verein sich laut Dirk Eichelbaum auf gerichtliche Folgen der letzten Monate gefasst machen. "Der Investor hat sich mit einem sehr Klage-freudigen Anwalt bewaffnet, der nicht für Kompromisse bekannt ist. Das kann richtig bunt werden", so Eichelbaum.
Manfred Paula: "Klare Linie, die wir als Verein verfolgen"
Wenn es um zukünftige Entscheidungen geht, verfolgt der Verein laut Geschäftsführer Manfred Paula "eine klare Linie". Die Spielbetriebsgesellschaft habe "alles auf der grünen Wiese neu aufgesetzt – von der Mannschaft, über den Spielbetrieb bis hin zur Infrastruktur und alle Systeme, die innerhalb kürzester Zeit auf den Weg gebracht werden mussten. Das ist auch sehr gut gelungen", betonte Paula. Die Arbeit der vergangenen Wochen soll nicht umsonst gewesen sein, sondern auch weiterhin eine Fortsetzung finden.
