Eine Rote Karte hält die Welt des Fußballs in Atem. Folarin Balogun war im Sechzehntelfinale der WM 2026 zwischen den USA und Bosnien-Herzegowina (2:0) in der 64. Minute nach einem heftigen Foul an Tarik Muharemović vom Platz gestellt worden. Laut Regelwerk wäre der US-Stürmer mindestens für das Achtelfinale gegen Belgien gesperrt worden - doch die FIFA setzte die überraschenderweise zur Bewährung aus. Eine Vorgehensweise, mit der sich der Weltfußballverband selbst ins Kreuzfeuer der Kritiker manövrierte.
Lahm zur Causa Balogun: "Dann wird es schwierig"
"Ich sage immer: Das Schöne am Fußball ist, dass es klare Regeln gibt", äußerte sich Philipp Lahm, ehemaliger Kapitän des FC Bayern München, gegenüber BR24Sport zur Causa Balogun. "Das gilt nicht nur für meinen Heimatverein: Das betrifft Bayern, Deutschland, Europa und die ganze Welt. Die Regeln im Fußball sind überall gleich. Wenn wir jetzt aber damit anfangen, dass die Regeln einfach geändert werden können, dann wird es schwierig."
Schiedsrichter Raphael Claus war infolge des Zusammenpralls von Balogun und Muharemović vom VAR an den Bildschirm gebeten worden, nach Ansicht der Bilder entschied er sich für den Platzverweis. "Der Schiedsrichter entscheidet gemeinsam mit dem VAR, dass es sich um eine Rote Karte handelt. Und dann wird entschieden, dass es gar nicht stimmt. Wo kommen wir dann hin?", fragte sich Lahm.
Trump gibt Einflussnahme auf Entscheidung zu
Wie US-Präsident Donald Trump am Montag auf einer Pressekonferenz im Weißen Haus einräumte, hatte er die FIFA um eine Überprüfung der Roten Karte gebeten. Der 80-Jährige pflegt eine enge Beziehung zu Verbandspräsident Gianni Infantino - ein Umstand, der vielen Kritikern ein Dorn im Auge ist. Persönliche Interessen spielen im Weltfußball immer eine größere Rolle.
"Man hat phasenweise den Eindruck, dass manche Dinge so zugeschoben werden, wie es gerade passt", meinte Lahm. "Das darf einfach nicht sein." Als Turnierdirektor der EM 2024 in Deutschland hat der ehemalige Kapitän des FC Bayern München einen diplomatischen Blick auf die Sachlage: "Es wird immer wieder Turniervergaben geben, mit denen wir nicht zu 100 Prozent einverstanden sein werden. Daher müssen wir bei Turnieren, die bei uns in Europa stattfinden, unsere Werte vertreten, zeigen und offen nach außen tragen", so der Weltmeister von 2014.
FIFA beruft sich auf ihr Vetorecht
Letzten Endes stünde Europa mit einer solchen Vorgehensweise nicht alleine da. "Andere versuchen auch den Fußball für ihre Interessen zu nutzen. Somit müssen wir die Turniere für unsere eigenen Interessen gebrauchen: Und das sind Demokratie, freiheitliches Zusammenleben, Offenheit und klare Regeln." Ein Vorhaben für zukünftige Turniere - Stand jetzt überwiegt jedoch die Debatte bei der laufenden Weltmeisterschaft.
Der belgische Fußballverband kündigte an, die Spielberechtigung Baloguns für das Achtelfinale anzufechten - und scheiterte mit seinem Vorhaben am Montagabend. Einer der Gründe, warum die FIFA Recht behielt: Im Zuge ihrer Entscheidung berief sie sich auf Artikel 27 ihres Disziplinarkataloges. Dieser erlaubt dem Weltverband, "die Umsetzung einer Disziplinarmaßnahme ganz oder teilweise auszusetzen." Mit anderen Worten handelt es sich dabei um ein Vetorecht gegenüber sämtlichen Entscheidungen der Schiedsrichter.
Schiedsrichterexperte Wagner: "Hinterlässt faden Beigeschmack"
Es ist nicht das erste Mal, dass die FIFA davon Gebrauch macht. Eine Sperre von Cristiano Ronaldo wurde vor der Weltmeisterschaft von drei Spielen auf nur eine Partie herabgesetzt, wodurch der Superstar beim portugiesischen WM-Auftakt auflaufen konnte. Für einen mit Balogun vergleichbaren Fall muss man hingegen bis ins Jahr 1962 zurückgehen: Damals durfte der Brasilianer Garrincha trotz einer Roten Karte im Halbfinale gegen Chile (4:2) im WM-Finale gegen die Tschechoslowakei (3:1) mitwirken.
Wie ARD-Schiedsrichterexperte Lutz Wagner andeutete, sorgt die vorliegende Sachlage für ein moralisches Dilemma. "Aufgrund eines Paragraphen mag es rechtlich möglich sein, allerdings hinterlässt es einen sehr faden Beigeschmack", erklärte er. Ohnehin habe es sich bei der Entscheidung auf dem Platz um keinen Fehler gehandelt. "Alle Parameter für eine Rote Karte waren erfüllt."
