Es ist ein Schleier der Unmöglichkeit, der das Amt des englischen Nationaltrainers seit mehr als einem halben Jahrhundert umwebt. "Die Geschichte schaut auf uns", meinte einst Sir Alfred Ernest Ramsey, nach dessen Erfahrung eben jene Aufgabe "mit einem Gefühl der Einsamkeit" einherkommt. Ausgerechnet inmitten dieses "Impossible Job" hat sich der Krumbacher Thomas Tuchel seine Wohlfühloase erschaffen - und schickt sich bei der WM 2026 dazu an, in die Fußstapfen von Ramsey zu treten.
Historische WM-Last? Tuchel: "Fühle mich besonders lebendig"
Letzterem gelang 1966 etwas, das in der Geschichte des Mutterlandes des Fußballs einzigartig ist. Damals schlugen seine "Wingless Wonders" die deutsche Nationalmannschaft im Finale von Wembley (4:2 n.V.) und feierten den bis dato einzigen Titel der Three Lions. Aus dem Stern auf der Brust entstand ein Fluch, an dem so viele Trainer scheitern sollten.
Nachdem die Amtszeit seines Vorgängers Gareth Southgate trotz zweier EM-Finals ohne Krönung vorüberging, ist Tuchel nur noch zwei Spiele von der Erfüllung der englischen Sehnsucht entfernt. Am Mittwoch steht im Mercedes-Benz Stadium in Atlanta das WM-Halbfinale gegen Argentinien auf dem Programm (ab 21 Uhr). Auf seinen Schultern wiegt eine historische Last - doch Tuchel blüht auf: "Das ist so intensiv, mir macht das richtig Spaß. In diesen Momenten fühle ich mich besonders lebendig."
Rhythmus und Ruhe: Tuchel findet sein Glück
Nur allzu gerne rutschen die Schlagzeilen im Fußballgeschäft ins Negative ab. Da wären die Auseinandersetzungen mit den Vereinsführungen von Borussia Dortmund, Bayern München und Paris Saint-Germain, die zum vorzeitigen Ende seiner dortigen Engagements geführt hatten. Geschichten, die an ihm haften blieben - das unterstrich auch der Wirbel um das jüngste Missverständnis mit Jude Bellingham. Von Spielern und Fans geliebt, bei den Verantwortlichen mindestens als "menschlich umstritten" abgestempelt: Tuchel wandelte auf dem Kontinent gewissermaßen zwischen den Welten.
Auf der Insel, in England, ist alles anders, der Job des Nationaltrainers ist ihm auf den Leib geschneidert. Der Rhythmus seiner Rolle, die er seit Januar 2025 erfüllt, sagt dem 52-Jährigen zu. Das bezieht sich nicht nur auf die rar gesäten Spieltermine, sondern auch auf die Aufmerksamkeit. Zwar arbeiteten sich die Medien im Zuge der Kadernominierung an Tuchel ab, ansonsten liegt der Fokus der Medienhäuser in England traditionell auf den großen Klubs von der Insel.
Tuchel genießt so einen ihm zuvor verwehrten Freiraum: Mögliche hierarchische Spannungen werden nicht sofort nach außen getragen und können intern geklärt werden, seine sympathische und schelmische Seite kommt so deutlich besser zur Geltung.
Mehr als Kitsch: Tuchel lebt seinen Traum
Ein weiterer Grund, warum Tuchel sein Glück gefunden hat, liegt in seinem Herzen. "Ich empfinde eine große Zuneigung zu diesem Land und dieser Art, den Fußball zu leben. Das hier war schon immer mein Traum", schwärmte er während der WM in Nordamerika. Dabei handelt es sich um mehr als nur Worte: Bereits während seiner Zeit beim FC Chelsea war an der Seitenlinie ein anderer Tuchel zu sehen, als es in Dortmund oder München der Fall war. Seit seinem Debüt als Nationaltrainer ist dieses Gesicht zurückgekehrt.
Was nach Kitsch klingt, könnte letzten Endes ein elementarer Baustein sein. Als ausländischer Trainer ist der Krumbacher nicht von der tief verwurzelten, fast schon mythologischen Bedeutung seines jetzigen Amtes vorbelastet. Während Vorgänger Southgate von einer nahezu ritterlichen Berufung sprach, ist es für Tuchel das, was es für jeden Außenstehenden ist: ein Job.
Akribisches Leiden für den Titel: Bricht Tuchel den Trainerfluch?
Und diesen führt er so aus, wie man es von ihm gewohnt ist. Tuchel wäre eben nicht Tuchel, wenn er irgendetwas dem Zufall überlassen würde. Im Sommer 2025 simulierte er bereits jenen Ernstfall, der beim Sieg gegen Norwegen in der Hitze Miamis schon eintrat. Er ließ seine Spieler in beheizten Zelten auf dem Ergometer strampeln und schwitzen, um die extremen Bedingungen in den USA nachzustellen. "Leiden ist eines der bestimmenden Themen dieser Weltmeisterschaft", prognostizierte der Perfektionist damals.
Ein Sieg im Halbfinale über Argentinien würde Tuchel in Sachen Finalteilnahmen schon auf eine Stufe mit Trainerikone Ramsey stellen, ein weiterer sogar ein Novum in der Fußballgeschichte bedeuten. Noch nie zuvor hat ein ausländischer Trainer eine Auswahl zum WM-Titel geführt. Es wäre eine Krönung sondergleichen - Tuchel selbst lebt jedoch bereits jetzt in seinem ganz persönlichen Märchen.
