Die Tage von Gianni Infantino an der Spitze des Fußball-Weltverbands scheinen gezählt. Der FIFA-Präsident ist nach dem gescheiterten Investorendeal rund um die Fußball-WM schwer angeschlagen und soll nun sogar eine Krisensitzung für seine Mitarbeiter in der marokkanischen Hauptstadt Rabat einberufen haben. In mehreren Kontinentalverbänden mehrt sich der Widerstand gegen den 56-Jährigen. Der Münchner Jurist Hans-Joachim Eckert war von 2012 bis 2017 Vorsitzender der FIFA-Ethikkommission. Im Interview mit BR24Sport spricht er über die Chancen einer Ablösung Infantinos.
Eckert glaubt an keinen Rücktritt: "Infantino wird nicht aufgeben"
Für Eckert ist klar: "Infantino wird nicht aufgeben." Stattdessen werde der Schweizer alles daran setzen, beim FIFA-Kongress im März in Marokko wiedergewählt zu werden. Vor einigen Wochen schien diese Wiederwahl eine reine Formalie zu sein. Beinahe alle Verbände hatte das Oberhaupt der FIFA mit Turnier-Austragungszuschlägen oder ähnlichen (finanziell lukrativen) Zuwendungen auf seine Seite gebracht. Doch nach seinem Vorstoß, Rechte an der Fußball-WM an ausländische Investoren zu verkaufen, bröckelt trotz seiner Rolle rückwärts in der Nacht auf Samstag der Rückhalt für den Schweizer.
Am Samstag hatte die UEFA Infantino das Vertrauen entzogen, kurz darauf sprach sich der nordamerikanische Verband CONCACAF für eine Untersuchung aus. Nun zog mit dem walisischen Verband der erste Nationalverband seine Unterstützung für Infantinos Wiederwahl zurück. "Ich bin sicher, dass auch die Norweger noch kommen. Genügend werden sagen, die FIFA ist mit Infantino nicht mehr tragbar", schätzt Eckert die Situation ein. Gleichzeitig gebe es aber auch noch Stimmen, die zu Infantino halten. Diese seien vor allem im afrikanischen Raum zu finden.
So könnte FIFA-Präsident Infantino gestürzt werden
Infantino die Macht zu entziehen, werde nicht einfach, warnt der ehemalige Vorsitzende Richter des Landgerichts München: "Selbst wenn man eine Sondersitzung einberuft und das Council sagt 'Geh, Infantino', dann muss er nicht gehen." Entscheidend ist das Votum des Kongresses, der erst im März zusammenkommt. Ein solches Misstrauensvotum braucht aber eine Stimmenmehrheit und da beginne die Rechnerei, erklärt der Jurist, der 2017 unter Infantino die Ethik-Kommission verlassen musste.
106 der 211 Stimmen bräuchte es, damit ein anderer Kandidat als Infantino gewählt wird. Die Kritiker könnten in der Mehrheit sein, glaubt Eckert: "Wenn man die Stimmen der UEFA mit 55, des CONCACAF mit 35 und des AFC (Asiatischer Verband d. Red.) mit 46 zusammenzählt, kommt man wahrscheinlich auf 134 Stimmen. Das würde reichen."
Infantinos Rückhalt auch innerhalb der FIFA schwindet
Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass sich innerhalb der AFC erste Verbände auf die Seite von Infantino schlagen. So hatten seit Wochenbeginn unter anderen Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate ihre Unterstützung für den Amtsinhaber proklamiert.
Eckert sieht derweil die Möglichkeit, dass sich aus den übrigen Kontinentalverbänden Stimmen gegen Infantino finden ließen. "Was jetzt doch sehr deutlich wird, ist, dass die nach außen hin so uneinnehmbare Bastion FIFA zu bröckeln beginnt", beobachtet der Münchner Richter. "Interne Mitstreiter von Infantino springen ab. Sagen, 'ich habe nichts davon gewusst, da mache ich nicht mehr mit'". Das sei in dieser Dimension neu.
Infantino widerspricht Trump-Gerüchten
Eckert vermutet, "dass einige noch offene Rechnungen haben mit dem Herrn Infantino", diese könnten bei einer möglichen Wahl beglichen werden. Vielleicht zieht der Schweizer aber auch selbst zurück. Auch wenn es danach aktuell nicht aussieht.
Recherchen der "New York Post" und der "Times", wonach Infantino US-Präsident Donald Trump um Hilfe gebeten habe, von diesem aber ignoriert worden sei, dementierte der 56-Jährige am Dienstag. "Das ist frei erfunden", schrieb der offizielle Account der FIFA auf "X".
