Es hätte der vorläufige oder sogar der endgültige Höhepunkt der noch jungen Olympischen Spiele 2026 sein sollen. Der Start von Lindsey Vonn in der Abfahrt der Frauen am Sonntag auf der "Olimpia delle Tofane" im Alter von 41 Jahren, mit einer Teilprothese im rechten und einem gerissenen Kreuzband im linken Knie.
Der Vonn-Epos wird zum Drama
Zwölf Sekunden später war alles vorbei. Aus dem Jubel entlang des Hanges und im Zielraum wurde Totenstille. Die beste Speed-Fahrerin der Geschichte lag nach einem heftigen Sturz im oberen Abschnitt vor Schmerzen schreiend im Schnee.
Aus dem erhofften Epos wurde binnen weniger Augenblicke ein Drama von historischem Ausmaß. Nicht weil Vonn die Kraft ausgegangen war, nicht weil das lädierte linke Knie nachgab, sondern wegen einer Verkettung unglücklicher Umstände, die jeder anderen Athletin genauso hätte passieren können.
Hödlmoser gibt Vonn-Update
Die US-Amerikanerin war in einem Rechtsschwung an einer Bodenwelle mit dem Arm in einem Tor hängen geblieben, verlor bei dem eigentlichen Routinesprung die Balance und krachte auf die Piste. Dass es nicht bei Prellungen blieb, dürfte allerdings auch an den Bindungen gelegenhaben, die nicht auslösten, sodass die Skier weiter an Vonns Füße geschnallt blieben.
Die Bilder der Führenden im Abfahrtsweltcup, die mit verdrehten Knien dalag, ließen das Schlimmste befürchten. Mit dem Helikopter wurde sie abtransportiert. Stunden später gab Alexander Hödlmoser, Cheftrainer der US-Damen, ein erstes Update. "Wir haben nur ganz wenige Informationen: Anscheinend soll es ein Bruch im Unterschenkel sein. Wir wissen noch überhaupt nichts Genaues. Es wird noch untersucht. Es ist ganz, ganz schwierig jetzt im Moment", erklärte gegenüber dem SRF.
Vonn-Vater Kildow: "Es bricht mir das Herz"
Am Abend folgte dann die Bestätigung von Hödlmosers Wasserstandsmeldung durch das Gesundheitsamt in Treviso. Vonn sei im Krankenhaus Ca' Foncello operiert worden, "um einen Bruch ihres linken Beins zu stabilisieren". Die Verantwortlichen kündigten für Montagmittag eine Pressekonferenz zu Vonns Zustand an.
Vonns Vater, Alan Kildow, hatte zuvor bereits emotional am Sportschau-Mikrofon auf den Abflug seiner Tochter reagiert: "Es bricht mir das Herz. Sie ist so eine Kriegerin, sie ist so eine starke Kämpferin. Sie hat alles gegeben, was sie hatte. Unglücklicherweise war es nicht ihr Tag. Das ist herzzerreißend."
Vonns Risiko-Bereitschaft, die sie zu einer großartigen Skifahrerin gemacht hat, hat sich dieses Mal auf der größtmöglichen Bühne nicht ausgezahlt. Bei aller Tragik des Sturzes bleibt aber der Umstand, dass die Olympiasiegerin von 2010 es mit ihrem Comeback allen gezeigt hat.
Vonn straft Kritiker Lügen
Die Missbilligung war riesig, als sich vor rund anderthalb Jahren herauskristallisierte, dass sie mit einem teilweise künstlichen Gelenk im rechten Knie wieder in den Ski-Zirkus wagen würde. Doch mit ihren Leistungen in der laufenden Saison zwang sie nicht nur die Kritiker wie etwa Markus Wasmeier zum Einlenken, sondern verschob die Grenzen dessen, was vorher für denkbar gehalten worden war.
Mit ihrem Triumph in der Abfahrt in St. Moritz im vergangenen Dezember pulverisierte sie den Rekord für die älteste Weltcup-Siegerin, nur um die Bestmarke durch ihren Erfolg in Zauchensee Anfang Januar noch einmal zu verbessern. In sieben von neun Weltcup-Rennen im laufenden Winter stand sie auf dem Podium.
Beendet der Sturz Vonns Karriere?
Ihr Vater Kildow dürfte nicht alleine sein, als er am Sonntag sagte: "Wenn ich sie sehe, sage ich ihr, dass sie ein fantastischer Champion ist. Ich könnte nicht stolzer auf sie sein." Für den Moment dürfte das freilich nur ein kleiner Trost für Vonn sein. Seit ihrem Comeback nach fünfeinhalbjähriger Pause hatte sie immer wieder daran festgehalten, dass der laufende Olympia-Winter ihr letzter vor dem endgültigen Rücktritt sein würde.
Nachdem sich die Befürchtungen, dass sich die viermalige Gesamtweltcupsiegerin schlimmer verletzt hat, bewahrheitet haben, dürfte der Auftritt auf der Tofana wohl das Ende von Vonns großer Karriere gewesen sein. Eine Karriere, in der sie alles gewonnen und das scheinbar Unmögliche möglich gemacht hat. Eine Karriere, die alles hatte – bis auf das märchenhafte Ende, das sie verdient gehabt hätte.
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