Antonio Rüdiger ließ keine Zweifel daran aufkommen, welche Rolle Jonathan Tah in der Abwehrkette der deutschen Nationalmannschaft innehat. "Er ist der Chef", erklärte Rüdiger mit Blick auf den Mann des FC Bayern.
Schlotterbeck fällt für den Rest der WM aus
Das war am vergangenen Mittwoch. Mittlerweile ist Tah immer noch Chef der Abwehr im DFB-Team, doch die Vorzeichen haben sich ein Stück weit geändert, denn mit Nico Schlotterbeck fällt der Partner des 30-Jährigen in der Innenverteidigung für den Rest des Turniers aus.
Eine Innenbandverletzung aus dem zweiten WM-Gruppenspiel gegen die Elfenbeinküste (2:1) setzt den Star von Borussia Dortmund für Monate außer Gefecht. Ein schwerer Schlag für die Auswahl von Bundestrainer Julian Nagelsmann. "Schlotti wird uns auf dem Platz als herausragender Verteidiger sehr fehlen, vor allem auch sein exzellenter Spielaufbau", analysierte Nagelsmann die Folgen.
Rüdiger zurück in die DFB-Startelf
Wie es im Fußball - und dem Leben - so ist, ist des einen Leid, aber auch des anderen Freud. Unfreiwilliger Nutznießer der Schlotterbeck-Verletzung dürfte in diesem Fall Rüdiger sein, der gegen die Elfenbeinküste für den BVB-Profi in die Partie gekommen war. Eine Änderung, die nicht ohne Risiko für das Mannschaftsgefüge ist.
Nun ist nicht zu erwarten, dass es zu einem "Putsch" um die Führungsposition in der Viererkette kommen wird. Schließlich hatte Nagelsmann in den vergangenen Monaten die viel diskutierten "Rollengespräche" mit seinen WM-Kandidaten geführt.
Nagelsmanns Plan für Rüdiger ändert sich
Auch Tah und Rüdiger dürfte der 38-Jährige klargemacht haben, wie er sie sieht: Tah als Abwehrchef, Rüdiger als erfahrene Präsenz von der Bank. Doch dieser Plan ändert sich durch den Ausfall von Schlotterbeck, was für die ganze DFB-Elf aber insbesondere für Tah und Rüdiger zu einer psychologischen Hürde werden könnte.
Rüdiger hat seit der Weltmeisterschaft 2018 jedes große Turnier für Deutschland bestritten. Spätestens ab der Europameisterschaft 2021 war er eine unumstrittene Größe in der Abwehr und stieg nach und nach zur Führungspersönlichkeit auf.
Rüdiger vom DFB-Abwehrchef zum Ersatzspieler
Dabei halfen ihm auch seine Erfolge im Verein. Unter anderem zwei Champions-League-Triumphe mit dem FC Chelsea (2020/21) und Real Madrid (2023/24) hoben ihn unter den deutschen Nationalspielern hervor.
Bei der Heim-EM 2024, bei der das DFB-Team nach den schwierigen Turnieren in den Vorjahren wieder überzeugen konnte, lief Tah an der Seite von Rüdiger auf, dem damals unangefochtenen Chef, der gerade zum zweiten Mal in seiner Karriere die Königsklasse gewonnen hatte.
Das ist noch nicht allzu lange her und doch ist Rüdiger im DFB-Ranking zurückgerutscht. Und bei allen öffentlichen Demutsbekundungen ist ein gewisses Selbstbewusstsein ein wichtiger Baustein für einen Spieler von Rüdigers Kaliber. Wie sonst will man gegen Top-Stars verteidigen, wenn man sich selbst nicht in der absoluten Weltspitze sieht?
Bleibt Tah der Boss der DFB-Defensive?
Das kann den Nebeneffekt haben, dass man gelegentlich Probleme mit der Unterordnung hat. Auch Tah hat keinen Grund, sich vor interner oder externer Konkurrenz zu verstecken. Der 30-Jährige hat mit Bayer Leverkusen und dem FC Bayern nicht umsonst in drei Jahren zweimal das Double gewonnen.
Zwei Alphamännchen: Der alte Chef und der neue, wobei der alte eben nicht mehr von der Bank kommt, sondern plötzlich wieder einen Platz in der Startelf hat. Eine Konstellation mit Sprengpotenzial.
Selbstverständlich gehört eine ordentliche Portion Pessimismus dazu, um ernsthaft einen Machtkampf in der Innenverteidigung vorherzusagen. Schließlich scheint die Chemie im DFB-Team so gut wie lange nicht zu sein. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass sowohl Tah als auch Rüdiger erfahren und professionell genug sein sollten, damit es nicht zu Problemen kommt.
Nagelsmann muss Übergang moderieren
Doch auf höchstem Niveau kann schon ein Prozentpunkt einen großen Unterschied machen - und in einem möglichen Achtelfinale droht mit Frankreich eine Mannschaft, die nicht dafür bekannt ist, Geschenke einer Defensive auszuschlagen.
Bundestrainer Julian Nagelsmann ist nun also nicht nur gefordert, Ersatz für die sportlichen Qualitäten Schlotterbecks zu finden, sondern auch um den Übergang vom Duo Tah/Schlotterbeck zu Tah/Rüdiger möglichst geräuschlos zu moderieren.
