Die Devise fürs Wochenende war klar: Emma Aicher musste bei den Speedrennen so viele Punkte wie möglich sammeln, um im Kampf um die große Kristallkugel Druck aufzubauen und um an der Alpindominatorin Shiffrin vorbeizuziehen. Dass Aicher das Zeug dazu hat, hatte sie über die Saison hinweg immer wieder eindrucksvoll bewiesen.
Doch von den möglichen 200 Punkten holte der Ski-Shootingstar am Ende nur 95. In der Abfahrt wurde sie Fünfte, im Super-G Vierte. Aichers gewohnt lakonisches Fazit: "Passt schon." Mit ihrem Skifahren sei sie "nicht wirklich zufrieden. Es geht viel besser."
Die Mammutschritte in Richtung Gesamtweltcup waren ausgeblieben und das, obwohl Shiffrin keinen einzigen Punkt gesammelt hatte: Auf einen Start in der Abfahrt hatte die US-Amerikanerin verzichtet und im Super-G verpasste sie mit Rang 22 die Punkte deutlich. Der Stand nach dem Speed-Wochenende: Shiffrin liegt bei 1.286 Punkten, Aicher hat 1.241 auf dem Konto. Der Rückstand des DSV-Youngsters auf die Ski-Queen beträgt nun also 45 Zähler.
Mikaela Shiffrin: "Bin in besserer Position als gedacht"
Selbst Shiffrin, die sich sonst eher zurückhaltend äußert und bescheiden auftritt, sagte in einem Interview mit dem ZDF: "Ich habe gedacht, dass Emma die Führung nach diesen beiden Rennen übernehmen kann. Im ORF sagte sie außerdem: "Sie hat echt das Können dazu, das zu gewinnen. Also bin ich in einer besseren Position als ich gedacht habe." Shiffrin habe sich schon darauf vorbereitet, "dass ich nach diesem Wochenende Zweite sein werde." Ihr Vorsprung aber sei nicht so groß, "also wird es zwei sehr starke Rennen brauchen."
In den verbleibenden Rennen, im Slalom und Riesenslalom, geht Shiffrin als Favoritin an den Start. Im Slalom hat sie die kleine Kugel schon sicher. Die US-Amerikanerin gewann acht der neun Saisonrennen in der Disziplin, nur in Kranjska Gora musste sie sich der Schweizerin Camille Rast knapp geschlagen geben. Bei den Olympischen Spielen raste Shiffrin trotz großen Drucks zur Goldmedaille und auch in ihrer schwächeren Disziplin, dem Riesenslalom, schaffte es die 31-Jährige erstmals nach ihrem folgenschweren Sturz Ende 2024 wieder auf das Podium.
Aicher braucht Topplatzierung, Shiffrin muss patzen
Emma Aichers Bilanz mag in den Technikdisziplinen nicht mit der von Shiffrin mithalten können, doch der Weltcup-Shootingstar gehört nichtsdestotrotz zur absoluten Weltspitze: Im Slalom stand die 22-Jährige vier Mal auf dem Podium, im Riesenslalom - ihrer eigentlich schwächsten Disziplin - fuhr sie im letzten Rennen vor dem Weltcupfinale nur knapp am Podest vorbei. Aicher hat in beiden Disziplinen das Zeug, aufs Podium zu fahren.
Aicher wurde immer konstanter, Shiffrin zeigte Menschlichkeit
Was außerdem für Aicher spricht: Die Allrounderin hat trotz ihres enormen Pensums an Konstanz gewonnen, sie fällt deutlich seltener aus als in den vergangenen Wintern. Die 22-Jährige fährt ruhige Schwünge, hat einen sauberen, fast unaufgeregten Stil. Hinzu kommt, dass Aicher den norwegischen Schnee mag, die Bedingungen im hohen Norden kommen ihr entgegen: Auf norwegischem Boden, in Kvitfjell, holte sie in der vergangenen Saison ihren allerersten Weltcupsieg.
Shiffrin hingegen hatte im Laufe ihrer Karriere immer wieder mit den Nerven zu kämpfen: Bei den Winterspielen war von dem "Olympia-Fluch" die Rede, nach ihrem Sturz in Killington 2024 hatte sie mit einer Post-Traumatischen Belastungsstörung zu kämpfen, die sich vor allem im Riesenslalom bemerkbar machte. Shiffrin zeigte zuletzt, dass auch sie als Rekordhalterin, als 109-fache Weltcupsiegerin, nur ein Mensch ist und Fehler baut.
Bei einem Slalomsieg durch Shiffrin müsste Aicher Vierte werden
So oder so wird Aicher nicht drumherum kommen, Außergewöhnliches zu leisten, um am Ende die große Kristallkugel zu gewinnen - als erste deutsche Skirennfahrerin seit 2010/11. Rechnerisch heißt das Folgendes: Gewinnt Shiffrin erwartungsgemäß den Slalom am Dienstag, dann muss Aicher mindestens Vierte werden, damit das Duell nicht schon vor dem abschließenden Riesenslalom entschieden ist.
Im Riesenslalom bräuchte es dann wiederum ein Wunder. Aicher müsste noch einmal die Ski-Welt verblüffen, um die große Überraschung zu schaffen. Die gute Nachricht ist: Wer, wenn nicht Emma Aicher, soll dazu in der Lage sein?
