Der Ski-Weltverband FIS hat einen der bewegteren Sommer seiner Geschichte hinter sich. Zuerst der turbulente Kongress Anfang Juni, auf dem FIS-Präsident Johan Eliasch um eine Stimme seinem Herausforderer Alexander Ospelt unterlag, dann das Bekanntwerden über die finanzielle Schieflage des Verbands und nebenbei die schwelende Debatte um die Zukunft des Wintersports.
DSV-Frauen kritisieren FIS-Pläne
Im Alpin-Bereich hatte sich Ospelt als neuer FIS-Chef jüngst mit dem Vorschlag hervorgetan, Weltmeisterschaften zukünftig in jedem Jahr ohne Olympische Spiele abzuhalten, der nicht nur auf Gegenliebe stieß.
Aber auch abgesehen von der WM-Thematik treibt die FIS ihre Pläne für eine Ausweitung des Renn-Kalenders voran. Im Frauen-Team des Deutschen Ski-Verbandes (DSV) stößt das auf Unverständnis.
Im Video: Emma Aicher im exklusiven Interview
Emma Aicher
Aicher: Weltcup-Kalender "eigentlich voll"
"Ich fahre ja sehr gerne Rennen, wüsste aber nicht, wann sie noch mehr Rennen reinbringen wollen. Ab Mitte November bis Ende März ist es eigentlich voll. Da ist jedes Wochenende etwas, manchmal sogar unter der Woche", kritisiert Emma Aicher die Entwicklung im exklusiven Interview mit BR24Sport.
Ähnlich äußert sich Kira Weidle-Winkelmann. "Der Kalender ist eigentlich voll. Von Sölden bis zum Finale ist jedes Wochenende Programm. Meines Erachtens ist die einzige Möglichkeit, das nach hinten zu strecken. Man wird dann sehen, wie sie das lösen wollen", sagt die 30-Jährige gegenüber BR24Sport.
Weidle-Winkelmann: "Hätte gerne mehr Speed-Rennen"
Die Abfahrts-Vizeweltmeisterin von 2021 plädiert generell für eine andere Verteilung der Weltcup-Rennen auf die einzelnen Disziplinen. "Ich hätte gerne mehr Speed-Rennen. Es sind aktuell mehr Technik-Rennen im Plan als Speed. Bei den Speed-Rennen ist natürlich immer noch das Thema, dass leichter mal etwas abgesagt wird. Deswegen ist es für uns schwierig, wenn grundsätzlich weniger im Programm ist", merkt Weidle-Winkelmann an.
Auch Andreas Puelacher, Cheftrainer der DSV-Frauen, kann einer Aufstockung des Weltcup-Kalenders wenig abgewinnen. "Wir haben dieses Jahr schon ein Riesenprogramm gerade vor der WM. Am Samstag haben wir ein Rennen und am Sonntag ist die Anreise nach Crans-Montana. Da bleibt keine Zeit mehr, um zu regenerieren", erklärt der 62-Jährige die Problematik.
Im Video: Kira Weidle-Winkelmann im exklusiven Interview
Kira Weidle-Winkelmann
Aicher nimmt Athleten bei Erschöpfung in die Pflicht - Shiffrin setzt öfter aus
Die Sorge vor Stürzen und Verletzungen aufgrund von Erschöpfung beschäftigt Aicher indes weniger. "Wenn man müde ist, kann es immer gefährlich werden. Aber das muss jede Athletin und jeder Athlet selber schauen", nimmt sie sich und ihre Kollegen in die Pflicht. Aichers Konkurrentin um den Gesamweltcupsieg in der Vorsaison, Mikaela Shiffrin, die sich gegen die Deutsche knapp durchsetzte, kündigte zuletzt an: "Ich plane, in dieser Saison weniger Slaloms zu fahren." Der österreichische Allrounder Marco Schwarz will künftig gar komplett auf Slaloms verzichten.
Ihr Plan für die WM-Saison mit dem Höhepunkt der Titelkämpfe im Schweizer Crans-Montana sehe ihr Heimrennen Ende November in Killington als ersten Slalom vor, berichtete Shiffrin. Das bedeutet, dass die 31-Jährige mindestens auf die Stationen Levi und Gurgl verzichten wird.
Wie Puelacher betont, sind mangelnde Erholungsphasen aber nicht die einzige Herausforderung durch den vollgepackten Weltcup-Kalender. "Für jemanden wie Emma, die in vier Disziplinen unter die Top fünf und in drei aufs Podest fahren kann, wird es mit der Planung ganz schwer", befindet der Österreicher.
Im Video: Andreas Puelacher im exklusiven Interview
Andreas Puelacher
Puelacher: Dichterer Weltcup-Kalender kontraproduktiv
Auch wenn er die Notwendigkeit, Geld zu verdienen, für FIS und Veranstalter versteht, wünscht er sich andere Lösungen. "In meinen Augen müsste man die Qualität der Rennen anheben und nicht die Menge der Rennen", fordert Puelacher. Man müsse "die Weltcup-Rennen mehr zu einem Event machen", lautet sein konkreter Vorschlag.
Von Rennen im globalen Süden während des europäischen Sommers hält er dagegen wenig, "weil sich zu diesem Zeitpunkt in Europa kein Mensch für den Skisport interessiert", analysiert er die Situation.
Generell sei der immer dichtere Weltcup-Kalender sogar kontraproduktiv für die Interessen der Organisatoren: "Jeder Veranstalter und jeder Sponsor will die Top-Leute am Start haben. Mit diesem Programm ist es fast nicht mehr möglich, dass die Top-Leute, die mehrere Disziplinen fahren, immer am Start sind. Dann wird man mehr Spezialisierung haben. Ich weiß nicht, ob das gewollt ist."
Der Bayerische Sportpreis: mit Emma Aicher, die nach ihren drei olympischen Silbermedaillen die Auszeichnung "Herausragende Sportkarriere" erhält, Nathaniel Brown, Deniz Aytekin und weiteren Wintersportstars wie Philipp Raimund, Dajana Eitberger, den Rodel-Tobis und Daniela Maier. Verfolgen Sie die Verleihung im BR Fernsehen und Stream am Sonntag, 11. Oktober, ab 22.10 Uhr.



