Ein kleines verschmitztes Lächeln konnte sich Joshua Kimmich in den Katakomben des Stadio di Bergamo dann doch nicht verkneifen, als er auf seine Gelbe Karte angesprochen wurde. In Minute 83 hatte sich der Kapitän der Münchner mit der Ausführung eines Freistoßes am Mittelkreis so aufreizend lange Zeit gelassen, bis ihm der norwegische Schiedsrichter Espen Eskas die Verwarnung unter die Nase hielt. Es war Kimmichs dritte Verwarnung in dieser Königsklassensaison, damit verpasst er das Rückspiel gegen die Norditaliener in einer Woche. In ein - nach der 6:1-Gala in Bergamo sehr wahrscheinliches - Viertelfinale würde Kimmich unbelastet gehen.
Kimmich tut es Olise gleich: Gelbe Karte für Zeitspiel
Das Gleiche gilt auch für seinen Teamkollegen Michael Olise. Der wollte sich bei einem Eckball sechs Minuten zuvor um keinen Preis der Welt stressen lassen, trabte aufreizend langsam zum Ball, richtete sich die Schienbeinschoner, diskutierte mit dem Linienrichter. Der Lohn: Eine Gelbe Karte, die er prompt gezeigt bekam. Auch er wird damit im Rückspiel nicht auflaufen können, dafür aber wieder im Viertelfinale, in dem der FC Bayern auf Real Madrid oder Manchester City träfe. Angesichts des sehr ostentativen Tathergangs und der günstigen Konstellation kam nicht nur bei den Journalisten in Bergamo schnell der Gedanke auf, ob es sich dabei um reines Kalkül handeln könnte.
Die Verwarnung sei nicht provoziert gewesen, stellte Kimmich schnell klar. "Ich habe zu lange gebraucht, aber ich wollte nicht ins Pressing reinspielen", so der Erklärungsansatz des 31-Jährigen. Es sei "unnötiges Zeitspiel" gewesen. "Am Ende haben wir jetzt die Quittung und dürfen nicht mitspielen." Sportvorstand Max Eberl verlor in der Mixed-Zone ebenfalls nur wenig Worte zu diesem Thema: "Dritte Gelbe Karte, gesperrt", so Eberls Kommentar. Trainer Vincent Kompany war ähnlich schmallippig: "Ich spreche nicht über Gelbe Karten. Dafür war die Leistung zu gut", befand er bei "Prime Video".
Dayot Upamecano, der ebenfalls vor der Partie bei zwei Verwarnungen gestanden hatte, sah übrigens keine Gelbe Karte mehr. Er geht vorbelastet ins Rückspiel.
Erinnerungen an den Fall Ramos: Nachspiel durch die UEFA?
Sorgen, dass die Aktionen von Olise und Kimmich ein Nachspiel haben könnten, wollte sich keiner der Spieler oder Verantwortlichen machen. "Wir haben geführt, wir haben auf Zeit gespielt. Dann bekommst du Gelbe Karten", ergänzte Eberl noch kurzangebunden. "Eine Gelbe Karte ist doch nichts Strafbares", befand Kimmich. Ob das die UEFA genau so sieht, bleibt abzuwarten. In Artikel 15 der Disziplinarregularien heißt es: "Wer sich ‚offensichtlich absichtlich‘ eine Gelbe oder Rote Karte einhandelt, wird mit einer Zwei-Spiele-Sperre belegt."
In einem ähnlichen Fall hatte der Verband 2019 Sergio Ramos, der ebenfalls im Achtelfinal-Hinspiel eine Gelbe Karte provoziert hatte, für zwei Spiele gesperrt. Auch sein damaliger Teamkollege Dani Carvajal hatte sich 2017 für Zeitspiel bei einem Einwurf absichtlich verwarnen lassen, um im unbedeutenden letzten Gruppenspiel zu fehlen. Auch er musste zwei Spiele aussetzen.
Fehlen Kimmich & Olise gegen City oder Real?
Im Fall von Ramos kam aber erschwerend hinzu, dass er seinen Plan vor den Kameras naiv detailliert darlegte: "Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, ich hätte sie nicht provoziert", sagte der Spanier damals. Das haben die Spieler und Verantwortlichen des FC Bayern in der Dienstagnacht tunlichst vermieden.
Die UEFA teilte am Dienstag mit, dass sie den Spielberichtsbogen des Schiedsrichters abwarten und gegebenenfalls Ermittlungen einleiten werden. Wie die "L'Equipe" erfahren haben will, enthält dieser Spielberichtsbogen aber keine Notizen zu den Gelben Karten von Kimmich und Olise. Folglich gäbe es für die UEFA keinen Grund für Ermittlungen.
Ob das ausreicht, damit den Münchnern im Viertelfinal-Hinspiel nicht zwei ihrer wichtigsten Akteure fehlen, wird sich in den kommenden Tagen zeigen.
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