Der Präsident des Münchner Ifo-Instituts, Clemens Fuest, hat sich für eine Abschaffung des ermäßigten Mehrwertsteuersatzes von sieben Prozent ausgesprochen. Stattdessen sollten alle Waren einheitlich mit 19 Prozent besteuert werden, sagte er der "Bild"-Zeitung (externer Link; möglicherweise Bezahl-Inhalt).
Vor allem Lebensmittel würden sich dadurch verteuern. Bei einer vollständigen Weitergabe könnten die Preise um bis zu zwölf Prozent steigen. Fuest rechnet allerdings mit einer geringeren Preissteigerung, da er davon ausgeht, dass die Unternehmen die erhöhte Mehrwertsteuer nicht voll an die Kunden weitergeben würden.
Fuest für Gutschrift von 360 Euro für ärmere Haushalte
Ziel sei es, die Komplexität des Systems zu reduzieren und Mehreinnahmen für den Staat zu erzielen. Fuest schlug vor, dass Haushalte mit geringerem Einkommen im Gegenzug eine jährliche Gutschrift von 360 Euro erhalten. "Belastet würde vor allem die Hälfte der Bevölkerung mit den höheren Einkommen, also mit Bruttoeinkommen über circa 55.000 Euro", sagte der Ökonom.
Nach Abzug der Ausgleichszahlungen blieben dem Staat dem Bericht zufolge mehr als 36 Milliarden Euro pro Jahr zusätzlich. "Wichtig ist mir, dass er eine Chance bietet, das Chaos bei der Mehrwertsteuer abzuschaffen, ohne die ärmsten Haushalte mehr zu belasten", erklärte Fuest.
Mehrwertsteuer Teil der Debatte um Steuerreform
Hintergrund ist die Ausgestaltung einer Einkommensteuer-Reform zur Entlastung mittlerer und niedriger Einkommen, die der Bundesregierung zufolge Anfang 2027 greifen soll, deren Details aber noch ausgearbeitet werden. Wie einige Medien Anfang Juli berichteten (externer Link; möglicherweise Bezahl-Inhalt), diskutieren Union und SPD dabei auch, zur Finanzierung der Einkommensteuer-Reform in Höhe von zehn Milliarden Euro im Gegenzug die Mehrwertsteuer anzuheben. Ein mögliches Modell, das dabei kursiert, ist die Anhebung der Mehrwertsteuer von 19 auf 22 Prozent, wobei Lebensmittel statt mit sieben Prozent komplett steuerfrei sein könnten.
Die Preise für Lebensmittel sind nach neuesten Angaben der Bundesregierung vom Juli seit 2020 deutlich stärker gestiegen als die allgemeine Inflation. Seit Anfang 2020 bis Mitte 2025 erhöhten sie sich um insgesamt 36,3 Prozent. Im selben Zeitraum habe sich die Inflation dagegen um lediglich 22 Prozent beschleunigt.
Aus sozialen Gründen sei eine Streichung der Mehrwertsteuer auf Grundnahrungsmittel geboten, lautet daher die Forderung einiger Politiker (externer Link).
Zum Video: Ifo-Chef Fuest zum Reformpaket der schwarz-roten Koalition
Ifo-Präsident Clemens Fuest am 2. Juli zum Reformpaket der schwarz-roten Koalition
Höhere Mehrwertsteuer spült Geld in Staatshaushalt
Dass eine Anhebung der Mehrwertsteuer die Staatseinnahmen deutlich erhöhen würde, ist allerdings unter Ökonomen unstrittig. "Würde die deutsche Bundesregierung den Mehrwertsteuersatz von 19 auf 21 Prozent erhöhen, wären das 32 Milliarden an zusätzlichen Einnahmen", sagt Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, bereits im Frühjahr im Gespräch mit der ARD-Finanzredaktion.
Wie stark die Verbraucher von den höheren Preisen betroffen sind, hängt dabei in erster Linie vom Anteil des Einkommens ab, den sie für den Konsum aufwenden müssen. "Eine Mehrwertsteuererhöhung trifft Menschen mit wenig Einkommen deutlich härter als Menschen mit hohem Einkommen. Wer nur geringe finanzielle Spielräume hat, muss nahezu das gesamte verfügbare Einkommen für den Lebensunterhalt ausgeben und ist damit von steigenden Preisen besonders stark betroffen", so Fratzscher.
Folgen für das Wirtschaftswachstum umstritten
Besonders umstritten ist die Frage nach den Folgen für das Wirtschaftswachstum. Das Ifo-Institut hält Mehrwertsteuererhöhungen für "weniger wachstumshemmend" als direkte Steuern auf Einkommen oder Unternehmensgewinne. DIW-Präsident Fratzscher verweist dagegen auf die Folgen für die Binnenkonjunktur: "Wenn die Menschen weniger Geld in der Tasche haben, um sich Dinge leisten zu können, dann werden sie weniger konsumieren. Heißt also weniger Wirtschaftswachstum, weniger wirtschaftliche Dynamik, auch die Unternehmen würden darunter leiden."
Mit Information von dpa
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