Für die rund 3,7 Millionen Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie geht es in der aktuellen Tarifrunde, die gerade beginnt, um fünf Prozent mehr Lohn. Die fordert die Gewerkschaft IG Metall. Mitarbeitende sind etwa in der Autobranche, im Maschinenbau und der Luft- und Raumfahrt beschäftigt. Die Arbeitgeber verweisen allerdings auf die prekäre Kostensituation in vielen Betrieben.
Der deutschen Wirtschaft geht es insgesamt nicht gut. Einzelne Branchen, wie die Autoindustrie, haben besonders zu kämpfen. Das Geschäftsklima hat sich dort laut dem Münchner ifo-Institut im September deutlich verschlechtert. "Die Automobilindustrie steckt weiterhin in der Krise", urteilt Anita Wölfl vom ifo‑Institut. Es stellt sich die Frage: Ist Arbeit in Deutschland zu teuer?
Studie: Deutschland ist Hochlohnland
Studien der arbeitnehmernahen Hans-Böckler-Stiftung und des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) kommen dabei zu ähnlichen Ergebnissen. Zwar sind die Arbeitskosten pro geleisteter Arbeitsstunde in Deutschland mit durchschnittlich 45,70 Euro in der Privatwirtschaft im Vergleich zu anderen Ländern eher hoch – in der EU liegt Deutschland damit auf Platz sieben. Aber das allein sei nicht der Grund für das Wettbewerbsproblem deutscher Unternehmen.
Entscheidend ist auch die Produktivität. Wie viel kann in einer Arbeitsstunde produziert werden? Das nennt sich Lohnstückkosten, und die steigen, wenn ein Unternehmen Personal behält, aber weniger Aufträge bekommt und dadurch weniger produziert. Auch das IW sieht das Kernproblem nicht in "zu hohen Löhnen", sondern in zu hohen Lohnstückkosten. Zwar sei Deutschland produktiv, erklären die Wirtschaftswissenschaftler, aber nicht produktiv genug, um sämtliche Kosten zu kompensieren.
Standort Deutschland: teure Energie, hohe Steuern, viel Bürokratie
Neben den Lohnkosten ist Energie in Deutschland vergleichsweise teuer, Steuern sind höher als in manchen anderen Ländern und die Bürokratie belastet die Wirtschaft. Das alles, erklärt das IW, macht deutsche Unternehmen weniger wettbewerbsfähig.
Wie groß der Unterschied bei den Arbeitskosten sein kann, zeigt das Beispiel Ungarn. Dort liegen die Arbeitskosten pro geleisteter Arbeitsstunde im verarbeitenden Gewerbe bei 15,60 Euro – in Deutschland ist es dreimal so viel. Der Vorstandsvorsitzende von Mercedes, Ola Källenius, ist von Ungarn als Produktionsstandort überzeugt (externer Link). Der Autobauer rechnet damit, dass er dort rund 70 Prozent günstiger produzieren kann als in Deutschland. Auch andere Hersteller setzen auf Standorte mit niedrigeren Lohnkosten: Ford will in Zukunft etwa im spanischen Valencia produzieren, Audi betreibt seit 1994 ein Werk im ungarischen Györ.
Statistik: Tarifbindung sinkt seit Jahren
Wie viel Beschäftigte verdienen, wie lange sie arbeiten müssen und ob es Sonderzahlungen gibt, wird für fast die Hälfte der deutschen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Tarifverträgen geregelt. Seit Jahrzehnten schrumpft diese Tarifbindung aber. Im Jahr 1998 galt noch für 73 Prozent der Beschäftigten ein Tarifvertrag.
Unternehmen steigen aus Tarifverträgen aus, um flexibler und damit wettbewerbsfähiger zu werden. Ein prominentes Beispiel ist der größte deutsche Autobauer VW: Er hat gerade mehrere Haustarifverträge gekündigt, unter anderem um Kosten zu senken und Regelungen neu zu verhandeln.
Arbeitsmarktexperte: Lohnpolitik nicht der größte Hebel
Dass die IG Metall fünf Prozent mehr Lohn fordert, sei richtig und komme auch zum richtigen Zeitpunkt, sagt Professor Bernd Fitzenberger vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg. Die Inflation ist im September auf 3,3 Prozent gestiegen und die Beschäftigten möchten Kaufkraft zurückgewinnen.
Die Industrie müsse sich insgesamt neu erfinden in Zeiten, in denen der Absatz zurückgeht. Dringend notwendig seien nach Fitzenberger der Ausbau der deutschen Infrastruktur und bezahlbare Energie. Diese beiden Aspekte spielen seiner Meinung nach eine größere Rolle als die Lohnpolitik: "Die kann da nur einen kleineren Teil dafür leisten", sagt Fitzenberger.
Gehaltsverhandlungen in wirtschaftlich schwierigen Zeiten
Auch wenn es in Teilen der deutschen Wirtschaft aktuell nicht gut läuft, sollten sich Arbeitnehmer nicht von allgemeinen Klagen über "den schlechten Arbeitsmarkt" lähmen lassen, rät der Münchner Karrierecoach Bastian Hughes. Je nach Branche und Standort gebe es durchaus die Möglichkeit, sein Gehalt zu verhandeln.
Wer mehr verdienen möchte, sollte sich vorab informieren, ob das eigene Unternehmen investiert, ob es einstellt und welchen Beitrag man selbst zur Weiterentwicklung leisten kann. Je konkreter der eigene Mehrwert formuliert wird, desto leichter könnte es dem eigenen Chef fallen, die Gehaltserhöhung wiederum bei seinem Chef durchzusetzen. Auch in Betrieben, in denen die Lage nicht so gut ist, könne man nach Perspektiven oder beruflicher Weiterentwicklung fragen.
Transparenzhinweis: In einer früheren Fassung des Texts sprachen wir fälschlicherweise von einem Stundenlohn von 15,60 Euro in Ungarn. Korrekt ist, dass es sich hierbei um die Arbeitskosten für eine Arbeitsstunde handelt. Das haben wir am 08.10.2026 um 07.00 Uhr korrigiert.
Arbeitskosten in Deutschland: Ist mein Job zu teuer? Darum geht es auch in der aktuellen Folge des ARD Wirtschaftspodcast Plusminus. Die Hosts Anna Planken und David Ahlf sprechen über das eine Wirtschaftsthema, das morgen euren Alltag verändert. Die besten Experten, ein klares Plus, ein klares Minus – und ein konkretes Takeaway.
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