Amelie Reigl züchtet in ihrem Labor menschliche Haut, um Tierversuche in der Pharma- und Kosmetikindustrie zu reduzieren. Bis zum Jahresende braucht die Würzburgerin für ihr Start-up "TigerShark Sciene" eine Millionen Euro, um Gehälter zu zahlen und ein neues Labor einzurichten.
Junge Start-ups wie dieses bekommen jedoch wegen ihres hohen Risikos oft keinen normalen Bankkredit. Denn Banken wollen "am liebsten schon Umsätze sehen", so die Mitgründerin. "Wir brauchen aber erstmal Investment, damit wir unsere Umsätze generieren können." Um junge Start-ups wie das von Reigl in der Wachstumsphase zu unterstützen und generell mehr für junge, innovative Unternehmen zu machen, hat das Bundeskabinett jetzt die sogenannte "Startup- und Scaleup-Strategie" auf den Weg gebracht. Die über 150 Maßnahmen sollen vor allem Hürden bei der Finanzierung, Gewinnung von Fachkräften und Bürokratie abbauen.
Deutschlandfonds soll ausgebaut werden
Obwohl laut Startup-Verband im ersten Halbjahr dieses Jahres mehr als 3.000 Start-ups gegründet wurden, würden Unternehmen für große Finanzierungen in die USA auswandern, so Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU). Ein Ziel der Strategie daher: Bessere Finanzierungsbedingungen für Start-ups sowie Scale-ups, die die erste Start-up-Phase bereits hinter sich gelassen haben. Laut Strategie sollen junge Gründer leichter an Wagniskapital kommen – also an Geld von Risikoinvestoren. Um den Zugang zu Wachstumskapital zu weiten, plant das Kabinett den dafür vorgesehenen Deutschlandfonds über 2030 hinaus auszubauen.
Der Deutschlandfonds ist ein Programm des Bundes, das Investitionen absichern und fördern soll. Mit staatlichen Garantien verringert er gezielt das Risiko für private Geldgeber, damit diese bis zu 130 Milliarden Euro in Zukunfts- und Infrastrukturvorhaben in Deutschland investieren. Darüber hinaus sollen Gelder aus der privaten Altersvorsorge als Wagniskapital in Start-ups investiert werden können. Die Regierung hat sich auf die Kapitalrente verständigt: Damit werden Rentenbeiträge für Beitragszahler investiert, beispielsweise in Aktien, aber auch in Start-ups. Die so erwirtschafteten Renditen - so auch die Hoffnung - könnten die späteren Rentenzahlungen erhöhen.
Schwerpunkt auf Verteidigung und Tech-Unternehmen
Erstmals im Mittelpunkt einer solchen Start-up-Strategie: Verteidigung und Sicherheit. Unternehmen aus diesen Bereichen sollen künftig leichter an Kapital gelangen und Neugründungen insgesamt schneller möglich werden. Zudem will sich der Bund erstmals direkt an Start-ups beteiligen, die Waffen herstellen.
Ebenfalls im Fokus der Strategie: Start-ups aus dem Tech-Bereich. Laut eines EY-Reports sind technologiegetriebene Start-ups – neben solchen aus dem Verteidigungssektor – am beliebtesten bei Investoren. Laut Kabinettsbeschluss wird daher ein Direktbeteiligungsinstrument für Start-ups aus der Sicherheits- und Verteidigungsbranche aufgelegt sowie jungen Technologieunternehmen der Zugang zu öffentlichen Ausschreibungen erleichtert.
Digitaler, schlanker, flexibler
Ein weiteres Ziel der Strategie ist es, Digitalisierung voranzubringen und Bürokratie abzubauen. Durch das neue Projekt "Schneller Gründen" sollen Verwaltungsprozesse digitalisiert werden. Was Fachkräfte angeht, so sind für Start-ups flexiblere Kündigungsregeln für hoch verdienende Angestellte und attraktivere steuerliche Rahmenbedingungen für die Mitarbeiterkapitalbeteiligung vorgesehen.
Wirtschaft vorerst zufrieden mit der Strategie
Für Reiche legt die Strategie "das Fundament für die nächste Generation deutscher Weltmarktführer". Auch von der Wirtschaft kommt Lob. Christoph Stresing, Geschäftsführer des Startup-Verbandes, begrüßt die Strategie: "Das ist ein Aufschlag. Mehr als das Bundeskabinett kann sich eigentlich nicht damit beschäftigen. Das Thema wird als Priorität anerkannt." Aber: Stresing mahnt auch, dass die eigentliche Arbeit nun mit der Umsetzung erst bevorstehe.
Die Co-Gründerin aus Würzburg, Amelie Reigl, wünscht sich vor allem, dass es jetzt schnell geht: "Die größte Herausforderung ist gar nicht, dass man keine Förderung bekommt, sondern eher, dass es doch ein bisschen langsam dauert." Bis die Strategie der schwarz-roten Regierung umgesetzt wird und greift, kann einige Zeit vergehen. Allen voran hängt die Strategie an einem Hinweis im Papier, nach dem alle Vorhaben davon abhängen, ob im Bundeshaushalt ausreichend finanzielle Mittel zur Verfügung stehen.
Im Video: So will die Bundesregierung Start-ups fördern
Die Förderung über den Deutschlandfonds soll über 2030 hinaus verlängert werden.
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