Das deutsche Atomprogramm - Dokumente des Schreckens
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Die Unterlagen des geheimen Atomprogramms der Nazis liegen heute im Deutschen Museum in München
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Die Unterlagen des geheimen Atomprogramms der Nazis liegen heute im Deutschen Museum in München

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Hitlers Atombombe - Ein Hirngespinst?

Hitlers Atombombe - Ein Hirngespinst?

US-Forscher haben die erste Atombombe gebaut, doch deutsche Wissenschaftler haben diese Entwicklung angestoßen - kurz vor dem Zweiten Weltkrieg. Während des Kriegs unter Adolf Hitler wurde in Deutschland an einer Atombombe gearbeitet.

Über dieses Thema berichtet: Abendschau - Der Süden am .

Die nukleare Zerstörungsgewalt, die im August 1945 durch amerikanische Atombomben Hiroshima und Nagasaki verwüstete und hunderttausende Menschen zum Teil qualvoll tötete, resultierte aus einem entscheidenden Gedanken: Der Furcht der Amerikaner, dass Hitler-Deutschland die Atombombe als Erster bekommen könnte.

Doch wie realistisch war das Atomprogramm der Nazis? Albert Einstein hatte die Amerikaner schon 1939 gewarnt. In einem Brief an US-Präsident Roosevelt plädiert der weltberühmte deutsche Physiker dafür, dass die Amerikaner Hitler beim Bau einer Atombombe zuvorkommen sollten. Franklin D. Roosevelt gibt nach einigen internen Überlegungen viele Milliarden Dollar frei und initiiert 1941 das Manhattan-Projekt. Unter diesem Codenamen arbeiten tausende Forscher und Ingenieure in der Wüste Nevadas an der Entwicklung der Atombombe.

Wettlauf um die Atombombe

Der amerikanische Historiker Mark Walker hat sich eingehend mit der Atomforschung im Dritten Reich beschäftigt. Schon die Entdeckung der Kernspaltung in dem Berliner Labor von Otto Hahn im Jahr 1938, die bald darauf von Lise Meitner wissenschaftlich korrekt gedeutet wurde, zeigt, dass deutsche Wissenschaftler in der Atomforschung zunächst führend waren.

Hitlers Rüstungsminister, der Architekt Albert Speer, förderte sogleich die weitere Forschung mit staatlichen Mitteln. Allerdings wurden die Kräfte in Deutschland, anders als in den USA, nicht an einem Ort gebündelt. "Bis etwa Sommer 1942 waren deutsche und amerikanische Forscher in etwa gleich auf. Die Amerikaner waren ein bisschen voraus, aber nicht besonders viel", so die Einschätzung von US-Historiker Mark Walker.

Geheimunterlagen im Archiv des Deutschen Museums

Die wichtigsten Quellen zum geheimen deutschen Atomprogramm liegen heute im Archiv des Deutschen Museums. Rund 11.000 Blatt, auf denen die deutschen Forscher ihre Arbeit dokumentiert haben, sind erhalten geblieben. Gleich nach Kriegsende wurden die Unterlagen von den Amerikanern beschlagnahmt und zunächst weiterhin als geheim eingestuft.

Erst Jahre später schien das Know-how der Deutschen zur Nutzung der Atomenergie nicht mehr so brisant, weil sich die Erkenntnisse längst in der weltweiten Forschungscommunity verbreitet hatten. So kamen die Unterlagen als historische Dokumente zurück nach Deutschland und 1998 ins Deutsche Museum nach München.

Archivleiter Matthias Röschner berichtet, dass die Atomdokumente bis heute von vielen Forschern genutzt werden, um die Entwicklung der Forschung nachzuzeichnen. Auch US-Historiker Mark Walker hat diese Unterlagen ausgewertet. Dabei kommt der Historiker zu dem Schluss, dass die deutschen Wissenschaftler keine Scheu hatten, an einer möglichen Atombombe für Hitler zu arbeiten. Sein Fazit: "Haben sie die Entwicklung verlangsamt: Nein! Haben sie eigentlich mit Begeisterung so viel und so schnell wie möglich gearbeitet: Ja!"

Der Forschungseifer der Deutschen

Diese Erkenntnis steht im Widerspruch zu der Selbstdarstellung führende Atomwissenschaftler in der Nachkriegszeit. Allen voran Nobelpreisträger Werner Heisenberg, der im Dritten Reich das deutsche Atomprogramm koordiniert hat, zusammen mit seinem engen Mitarbeiter Carl Friedrich von Weiszäcker.

Beide waren auch in der späteren Bundesrepublik führende Kernforscher, die sich allerdings schon 1957 in der aufsehenerregenden Göttinger Erklärung gegen eine atomare Bewaffnung der Bundeswehr aussprachen.

Doch während des Zweiten Weltkriegs hatten sie viel intensiver für die Entwicklung einer Atombombe gearbeitet, als sie dies nach dem Krieg zugeben wollten. So urteilt US-Historiker Mark Walker über Werner Heisenberg, dass dieser zwar kein überzeugter Nazi gewesen sei, aber eben doch die deutsche Forschung voranbringen wollte. "Er (Heisenberg, Anm. der Redaktion) war sehr stolz darauf, wieweit sie (die deutschen Atomforscher im Dritten Reich, Anm. der Redaktion) unter diesen schwierigen Bedingungen gekommen sind."

Hitler bekommt die Bombe nicht

Tatsächlich waren die Voraussetzung der deutschen Forscher spätestens ab 1942 nicht mehr mit den Möglichkeiten der Amerikaner zu vergleichen. Während die USA ihre finanziellen und technischen Anstrengungen im Lauf des Manhatten-Projekts immer weiter erhöhten, mussten die Deutschen ihrer Überforderung im Krieg gegen die Sowjetunion und die Westalliierten Tribut zollen.

Und da die Möglichkeit, eine Atombombe zu entwickeln aus der Sicht von 1942 auf absehbare Zeit nicht realistisch schien, entschieden Hitler und Speer, der Entwicklung der vermeintlichen Wunderwaffe, den Raketen von Wernher von Braun, den Vorzug zu geben.

Die deutsche Atomforschung dümpelte, im Vergleich zu dem amerikanischen Programm, vor sich hin. Am Ende schafften es die Deutschen nicht einmal mehr einen Versuchsreaktor in Gang zu setzen. Die entsprechenden Einrichtungen waren in den letzten Kriegsmonaten in einen Felsenkeller im schwäbischen Haigerloch gebracht worden, um sie vor Luftangriffen zu schützen. Als US-Soldaten den geheimen Keller entdeckten, hatten sie zugleich den Beweis gefunden, dass die Furcht vor Hitlers Atombombe im Prinzip berechtigt war.

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