Was wir in den vergangenen Jahren an Waldbränden, Schädlingsbefall und Sturmschäden gesehen haben, war erst der Anfang: Forschende aus zehn europäischen Ländern haben unter Federführung des Forstwissenschaftlers Rupert Seidl von der TU München berechnet (externer Link), wie stark die Wälder Europas in den nächsten Jahrzehnten unter dem Klimawandel leiden müssen.
Waldschaden: Mehr Feuer, mehr Käfer, mehr Wind
Das multinationale Team hat für 13.000 Waldgebiete in Europa Satellitendaten gesammelt und Computersimulationen für unterschiedliche Klimaszenarien durchgeführt. Im Worst-Case-Szenario von über 3 Grad Celsius Erwärmung wird es im Jahr 2100 mehr als doppelt so viele Schäden durch Brände und Insekten geben.
Auch Sturmschäden häufen sich (plus 20 Prozent). Wobei Schadfaktoren oft kombiniert auftreten, sodass die Auswirkungen auf die Waldbestände noch dramatischer sein könnten. Rupert Seidl nennt ein Beispiel: Hitze und Wassermangel schwächen die Bäume, sie schaffen es nicht, genug Harz zu produzieren, um Schädlinge wie den Borkenkäfer abzuwehren.
Niedriger und lichter: Der Wald der Zukunft
Die Wälder, so wie wir sie heute kennen, wird es bei über 3 Grad Temperaturanstieg nicht mehr geben. Die Fichte wird verschwinden. Genauso wie fast überall die Buche. Schon heute sind vier von fünf Bäumen in Bayern krank.
Zwar wird es in ein paar Jahrzehnten immer noch große Waldgebiete in Europa geben, doch die werden anders aussehen, sagt der Waldökologe Henrik Hartmann vom Julius-Kühn-Institut in Quedlinburg. Die Wälder werden lichter sein, mit kleineren Bäumen, die Hitze und Trockenheit aushalten.
Waldumbau: Douglasie und Zeder statt Fichte und Buche
Wer im Jahr 2100 durch den Wald spaziert, der wird auf andere Baumarten treffen, die man bisher vor allem aus dem Urlaub kennt – etwa die Douglasie aus Nordamerika oder die Zeder vom Mittelmeer. Die Waldforscher raten zu Mischwäldern mit mehreren Baumarten, um das Risiko bei Schadereignissen zu minimieren.
Dazu gibt es mehr und mehr Versuchsflächen. Es gilt, herauszufinden, wo welche Baumkombinationen funktionieren. Der Wald wird den menschengemachten Klimawandel meistern, sagen Henrik Hartmann und Rupert Seidl. Er habe im Laufe von Millionen Jahren schon viele Klimaänderungen weggesteckt.
Auch Tiere und Pflanzen würden sich an die neuen Gegebenheiten anpassen. In lichteren, niedrigeren Wäldern wird es weniger Pilzarten, dafür mehr Greifvögel oder Wildschweine geben. Es wird nicht weniger, aber andere Arten im Wald der Zukunft geben (externer Link).
Waldschäden: Schutz vor Abgängen schwindet und kostet Milliarden
Wer unter dem Wandel aber sehr stark leiden wird, ist der Mensch. Wir sind ökonomisch und ökologisch vom Wald abhängig, sagt Rupert Seidl von der TU München: Wälder sind ein wichtiges Wasserreservoir.
In Deutschland werden etwa 70 Prozent des Trinkwassers aus Grund- und Quellwasser gewonnen. Verschwinden die Bergwälder, so verschwindet auch der Schutz vor Muren und Lawinen. Dazu kommt der wirtschaftliche Aspekt: Waldschäden und Waldumbau könnten die Holzindustrie, die Waldbesitzerinnen und Waldbesitzer 250 Milliarden Euro kosten (externer Link).
Vom Kohlenstoffspeicher zur Kohlenstoffschleuder
Wälder bedecken 40 Prozent der EU-Landfläche und binden riesige Mengen an Kohlenstoff. Deshalb sind Wälder ein wichtiger Bestandteil der EU-Klimaziele. Doch schon heute setzt der deutsche Wald mehr CO₂-Gase frei, als er absorbiert (externer Link). Das wird sich in Zukunft wegen des fortgesetzten Klimawandels und der damit verbundenen Schadereignisse noch weiter verstärken.
Klimaerwärmung begrenzen: Noch würde es gehen
Doch das alles muss nicht so kommen, auch das sagt die neue Studie. Wenn wir es schaffen, die Klimaerwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, dann wird sich der Wald ab Mitte des Jahrhunderts wieder erholen. "Das ist aus meiner Sicht die wichtigste Nachricht", sagt der Waldforscher Rupert Seidl: "Klimaschutz ist Waldschutz. Wenn wir es schaffen, den Klimawandel deutlich abzuschwächen, dann reduzieren wir die Waldschäden deutlich."
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