Schon jetzt zeichnet sich ab: Der Krieg im Nahen Osten wird nicht so schnell beigelegt sein. US-Präsident Donald Trump geht bereits davon aus, dass es sich um Wochen handeln wird. Wie reagieren die anderen Großmächte? Stehen wir vor einem III. Weltkrieg?
"Possoch klärt" im Video: USA-Iran-Krieg: Ist das jetzt schon Weltkrieg?
Kein Weltkrieg – aber ein großer Flächenbrand
Politikwissenschaftler Stefan Fröhlich, bis 2024 Lehrstuhlinhaber an der FAU Erlangen-Nürnberg, warnt trotz etwa des Drohnenangriffs auf Zypern vor voreiligen Schlüssen, "zumal die entscheidenden Großmächte, die zentralen Akteure, ja doch sehr, sehr unterschiedlich sich hier jetzt einbringen."
Fröhlich verweist im BR24-Interview für das neue "Possoch klärt" (Video oben, Link unten) aber auf die strukturellen Verschiebungen: Die Bedrohungen seien heute "asymmetrisch und hybrid" – klassische Frontlinien gebe es heute kaum noch, pflichtet auch der Politikwissenschaftler Gerhard Mangott bei.
Ein Konflikt – viele Verlierer
Iran blockiert die Straße von Hormus. Durch diese 50 Kilometer breite Meerenge fließen rund 20 Prozent des weltweiten Ölverbrauchs. China etwa bezieht rund 44 Prozent seines Rohöls aus dem Nahen und Mittleren Osten, der Großteil davon durch die aktuell blockierte Straße von Hormus. Droht die Lage im Nahen Osten deswegen zusätzlich zu eskalieren?
Bislang fiel die Reaktion aus China verhältnismäßig zurückhaltend aus. China-Expertin Eva Seiwert vom Mercator-Institut für China-Studien sagt, China verurteile den Angriff scharf und bezeichne die "offenkundige Tötung eines souveränen Führers" als inakzeptabel.
Stefan Fröhlich hält ein größeres Einschreiten Chinas oder gar einen chinesischen Militäreinsatz für unwahrscheinlich: "Der Preis ist zu hoch für China." Ein offener Konflikt mit den USA sei aus Pekings Sicht unverhältnismäßig. China wird nach Einschätzungen Fröhlichs stattdessen mehr Öl aus Russland kaufen – was wiederum Putins Kriegskasse für die Ukraine füllen würde.
Proxy Wars: Die neue Unübersichtlichkeit
China-Expertin Eva Seiwert sieht in der aktuellen Lage in Nahost weniger die Vorstufe zum Dritten Weltkrieg als vielmehr Parallelen zum Kalten Krieg – jedoch in neuer Form. "Der Kalte Krieg war im Endeffekt heiß. Der war nur nicht heiß in Europa und nicht in Amerika, das war nur immer woanders", sagt Seiwert. Heute nennt man das Proxy Wars – Stellvertreterkriege, in denen sich Großmächte nicht direkt gegenüberstünden, sondern indirekt bekämpfen.
Dabei ist die Situation zu großen Teilen unübersichtlich: Die Allianzen sind nicht immer klar – und sind sie es doch, dann sind sie teils brüchig. Die größte Gemeinsamkeit der oft beschworenen Achse China-Russland-Iran-Nordkorea scheint vor allem der antiwestliche Reflex zu sein und das Bedürfnis, die "Hegemonie der Amerikaner herauszufordern bzw. zu beseitigen", sagt Fröhlich. Im Ernstfall sticht pragmatisches Eigeninteresse die Ideologie regelmäßig aus – auch auf westlicher Seite.
Was das für Europa bedeutet
Europa beobachtet das Geschehen weitgehend von der Seitenlinie, analysiert Eva Seiwert.
"Wir sind da nicht die Akteure, die im Endeffekt entscheiden können, wie das weitergeht. Deshalb stehen bis zum gewissen Punkt daneben und müssen hoffen, dass alles irgendwie gut geht." Eva Seiwert, Mercator Institut für China-Studien
Politikwissenschaftler Gerhard Mangott von der Universität Innsbruck formuliert es deutlich: Europa sei "eher Gegenstand der Weltpolitik als Akteur" – solange es nicht fähig sei, sich selbst zu verteidigen. Derweil machen sich die Effekte des Krieges im Nahen Osten auch hier bemerkbar – etwa in Form hoher Spritpreise und Energiekosten.
Droht also ein III. Weltkrieg?
Gegenwärtig sind die Experten sich einig: Direktes militärisches Kräftemessen zwischen den USA und China ist unwahrscheinlich. Aber die Welt, in der klare Bündnisse und internationales Recht Orientierung boten, gibt es nicht mehr in der bisherigen Form. Zurück bleibt stattdessen ein multipolares System mit wachsender Gewaltbereitschaft in Zeiten geopolitischer Instabilität.
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