Im Stammlager Flossenbürg selbst war er nie inhaftiert und dennoch kommt er regelmäßig hierher – für Gespräche in Schulen und um zu erinnern: Josef Salomonovic aus Wien war mit seiner Mutter und seinem älteren Bruder im Flossenbürger Außenlager Dresden inhaftiert, für die Arbeit im Munitionswerk war er damals aber mit seinen sechs Jahren zu klein.
Früherer Häftling nur durch Glück dem Tod entkommen
"Ein Parasit", wie er es nennt. Seine Mutter versteckte ihn in einem Korb und deckte ihn zu. Nicht lange. "Dann ist es passiert", sagt "Pepek", wie er damals genannt wurde. Die Nazis entdeckten ihn. Nur weil einen Tag später die Alliierten Dresden bombardierten, entkam der heute 87-Jährige dem Tod.
Insgesamt 80 solcher Außenlager hatte das KZ Flossenbürg, zwischen Nordsachsen und Niederbayern, zwischen Würzburg und Tschechien. Vier Wochen vor der Befreiung, am 23. März 1945, registrierte die SS insgesamt 40.000 Häftlinge im gesamten Lagerkomplex – Höchstbelegung. Es kamen immer mehr Häftlinge aus bereits aufgelösten Lagern im Osten an.
Gedenkstättenleiter: Erinnern an Befreiung ist mehr als ein Ritual
15.000 Menschen etwa waren zu dem Zeitpunkt im Stammlager Flossenbürg, der Rest in den Außenlagern. Als die US-Armee vier Wochen später kam, fand sie in Flossenbürg nur mehr 1.500 schwerkranke und geschwächte Häftlinge vor. Rund 15.000 Häftlinge waren kurz vorher auf sogenannte Todesmärsche in Richtung Süden getrieben worden und fanden dabei den Tod oder die Befreiung.
Das Erinnern in Form eines ganzen Befreiungswochenendes ist mehr als ein Ritual, sagt Jörg Skriebeleit, der Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg. Es ist Gelegenheit für Trauer, sich mit seiner Familiengeschichte auseinanderzusetzen, aber auch ein großer Treffpunkt für Projekte und Initiativen aus Sachsen und Bayern.
Wachsendes Interesse an KZ-Gedenkstätte
An sämtlichen Außenlager-Standorten wird viel geforscht und initiiert, die Erinnerungskultur in die Zukunft zu tragen und Begegnungen zu schaffen, so Skriebeleit. Schon immer setzt die Gedenkstätte nicht nur auf die Retrospektive, sondern richtet den Blick in die Gegenwart und Zukunft der Erinnerung.
Zudem sind so viele Nachfahren wie noch nie nach Flossenbürg gekommen, aus Australien, Südamerika, Schweden. 160 Menschen in zweiter, dritter und vierter Generation, die sich mit ihrer Familiengeschichte beschäftigen und sich mit ebenso Betroffenen treffen wollen.
Dieses steigende Interesse stellt die KZ-Gedenkstätte seit einigen Jahren sehr stark fest. Zum Befreiungswochenende kamen auch 20 ukrainische Militärgeistliche, die derzeit auf dem nahen US-Truppenübungsplatz Grafenwöhr ausgebildet werden. Auch unter den Teilnehmern der internationalen Jugendbegegnung sind viele ukrainische Jugendliche. "Sie zeigen die Bedeutung, warum wir uns heute versammeln", sagt Jörg Skriebeleit.
Appell an die Gesellschaft, Haltung zu zeigen
Silke Launert (CSU), Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Forschung, betonte im Gedenkakt: "Jeder antisemitische Satz, dem nicht widersprochen wird, bleibt stehen." Sie ermunterte, auch heute zu widersprechen, Haltung zu zeigen und nicht wegzusehen. Und Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) erinnerte daran, dass der NS-Terror getragen, ermöglicht und gestützt worden sei – von Menschen wie Nachbarn, Kollegen oder staatlichen Institutionen, die ihre Mitmenschen verraten und zu Opfern gemacht hätten.
Im KZ Flossenbürg und seinen 80 Außenlagern waren zwischen 1938 und 1945 insgesamt 100.000 Menschen gefangen. Mindestens 30.000 Häftlinge starben durch die Gräueltaten der Nationalsozialisten.
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