Russlands Wirtschaft wächst nur noch langsam: 2025 legte sie um ein Prozent zu, für 2026 wird ebenfalls nur ein Plus von rund einem Prozent erwartet. Zugleich bleibt die Inflation hoch. Dass Präsident Wladimir Putin Mitte April ungewöhnlich offen einräumte, die wirtschaftliche Entwicklung bleibe hinter den Erwartungen zurück, zeigt, wie groß der Druck inzwischen ist.
Putins offenes Eingeständnis
Bei einem Treffen mit dem russischen Industriellen- und Unternehmerverband RSPP sagte Putin am 15. April, die Entwicklung der russischen Wirtschaft liege bislang unter den Prognosen. Nach seinen Angaben ging das Bruttoinlandsprodukt im Januar und Februar 2026 zusammen um 1,8 Prozent zurück.
Putin verwies zwar auf saisonale und kalendarische Effekte, sagte aber zugleich, dass diese die schwächere Dynamik nicht vollständig erklärten, und verlangte von seiner Regierung und der russischen Zentralbank umgehend Vorschläge.
Warum die Wirtschaft schwächelt
Die russische Wirtschaft steckt in einem doppelten Dilemma. Zwar treiben internationale Krisen wie der Krieg gegen Iran den Ölpreis nach oben und können Russland damit kurzfristig Mehreinnahmen verschaffen. Gleichzeitig wirken aber die westlichen Sanktionen weiter: Russland verkauft weniger Öl und muss teils Preisnachlässe gewähren. Der höhere Ölpreis entlastet also lediglich vorübergehend, löst die tieferen Probleme aber nicht.
Die Kriegswirtschaft ist laut der Stiftung für Wissenschaft und Politik für Russland zugleich Stütze und Belastung. Hohe Staatsausgaben für Rüstung und Militär haben die Konjunktur zunächst angeschoben und vor allem militärnahe Branchen gestärkt. Gleichzeitig verschärfen sie aber Inflation, Arbeitskräftemangel und Finanzierungsprobleme. Viele zivile Wirtschaftsbereiche geraten dadurch zunehmend unter Druck.
Auch ukrainische Angriffe auf russische Ölraffinerien und Energieinfrastruktur dürften die Wirtschaft belasten. Sie können Produktion, Weiterverarbeitung und Logistik stören und damit einen für Russland besonders wichtigen Sektor treffen. Spürbar wird das vor allem regional, etwa durch Versorgungsprobleme oder zusätzliche Kosten. Ob die Angriffe die russische Gesamtwirtschaft bereits grundlegend verändern, lässt sich nur schwer vorhersagen.
Warnungen aus Schweden
Wenige Tage nach Putins Auftritt äußerte sich der Chef des schwedischen Militärgeheimdienstes mit dem Vorwurf, Russland manipuliere systematisch Wirtschaftsdaten, um seine Lage robuster erscheinen zu lassen. Das Land stehe sogar noch schlechter da. Unabhängig belegen lässt sich dieser Vorwurf allerdings nicht.
Spüren Menschen die Schwäche?
Wie stark die wirtschaftliche Schwäche im Alltag der Russen und Russinnen ankommt, hängt offenbar stark von der sozialen Lage ab. Michail lebt selbst im Exil in Deutschland, seine Familie allerdings weiterhin in Russland. Er beschreibt die Lage dort so. Es gebe "zwei Russlands": Für viele arme Haushalte habe sich der ohnehin niedrige Lebensstandard nur begrenzt verschlechtert.
Auf der anderen Seite stehe eine Mittelschicht aus Unternehmern, gut ausgebildeten Fachkräften und Akademikern mit höheren Ansprüchen. Der Lebensstandard dieser Mittelschicht, zu der auch viele seiner Bekannten zählen, ist deutlich gesunken. Viele könnten kaum noch ins Ausland reisen und allenfalls noch innerhalb Russlands unterwegs sein. Menschen aus Moskau oder St. Petersburg flögen nun eher nach Kaliningrad, "wo sie sich wie in Europa fühlen", oder in russische Urlaubsregionen wie den Altai oder nach Sotschi. Reisen nach Europa seien praktisch weggefallen. Zugleich hätten einige Geschäfte schließen müssen, Menschen gäben deutlich mehr Geld für Lebensmittel aus oder müssten sparen. Der gewohnte Lebensstandard habe sich für diese Gruppe "drastisch verändert".
Folgen für den Krieg?
Ob diese wirtschaftlichen Entwicklungen Russlands Kurs im Krieg gegen die Ukraine verändern werden, ist schwer zu sagen. Experten gehen allerdings davon aus, dass die wirtschaftliche Lage Putin nicht davon abbringen wird, seinen harten Kurs im Krieg gegen die Ukraine beizubehalten.
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