Als Alois Wieser im Februar zu einem Lkw-Unfall auf der Brennerautobahn gerufen wird, steht der Verkehr. Die Feuerwehr von Gries am Brenner könnte den Unfallort normalerweise in fünf Minuten erreichen. Doch an diesem Tag weichen Autofahrer auf die Bundesstraße aus. Auch dort: Stau.
Dann die Nachricht: Der Lkw-Fahrer hat einen Herzinfarkt. Ein Rettungshubschrauber kann wegen schlechten Wetters nicht starten. Und die Feuerwehr steckt fest. Wieser und seine Kollegen treffen eine riskante Entscheidung: Sie fahren auf der Gegenfahrbahn zum Einsatzort. "Das war sicher sehr schwierig, auch belastend", sagt der Feuerwehrkommandant im BR-Dokuformat Kontrovers – die Story.
Nach 25 Minuten erreicht die Feuerwehr den Unfallort, 20 Minuten später als eigentlich vorgesehen. Zu spät. Sie können dem Fahrer nicht mehr helfen. Wieser beschäftigt der Vorfall noch immer: "Ich denke … wenn wir schneller vor Ort gewesen wären, hätten wir helfen können."
Anwohner über sein Haus: "Ich würde es nehmen und wegstellen"
Am Fernpass, rund 100 Kilometer vom Brenner entfernt, lebt Peter Höflinger. Sein Haus steht direkt an der Passstraße. Er hat es mit seiner Frau aufgebaut. Wegziehen will er deshalb nicht. Aber wenn er könnte? "Ich würde es nehmen und wegstellen in eine ruhige Gegend."
Als Höflinger 1988 einzog, fuhren täglich rund 8.000 Fahrzeuge über den Fernpass. Heute sind es knapp 15.000. Er hat alles probiert, um den Lärm draußen zu halten, etwa Schallschutzfenster. "Wenn man hier die Fenster zumacht und die Tür zumacht, dann ist es ruhig", sagt er. Aber wer will schon immer mit geschlossenen Fenstern leben?
Nachts spüre er die Vibrationen der Lastwagen. Höflinger leidet unter Bluthochdruck und hatte einen Schlaganfall. Ob der Verkehrslärm dafür verantwortlich ist, will er vom Lärmforscher Professor Peter Lercher prüfen lassen. Lercher ist auch Mediziner: Er weiß, dass man von Lärm krank werden kann: "Die gesamte Perspektive von Herz-Kreislauf. Inklusive Diabetes, Adipositas. Aber im Vordergrund steht natürlich die starke Belästigung und die Schlafstörung."
Lärm – Belastung vor allem in der Nacht
Wenn der Dezibelmesser über 60 geht, steigen die Belastungen, erklärt der Lärmforscher – diese Lautstärke ist bei Höflinger gegeben. Ob er allerdings vom Lärm krank wurde, lässt sich nicht final klären. Für einen kausalen Zusammenhang brauche es mehr Daten. Eine Belastung, die zu einer Schlafstörung führen könne, sei der Lärm aber durchaus.
Dass der Verkehr am Brenner schon seit Jahrzehnten ein Problem ist, zeigt ein alter BR-Beitrag aus dem Jahr 1990. Darin sorgt sich ein Vater, die Abgase der Autobahn könnten seiner Tochter schaden. Ein Arzt untersucht damals ihre Lunge. 36 Jahre später machen sich die Kontrovers-Reporterinnen auf die Suche nach dem Mädchen von damals.
Nach einigen Anläufen finden sie Sabine Mühlmann, das Mädchen von damals. Sabine lebt noch immer in der Brennerregion – und arbeitet inzwischen ausgerechnet bei der Asfinag, der Mautstelle der Autobahn. Ihr Vater habe sich "in jeder Hinsicht" mit der Asfinag angelegt, erzählt sie. Selbst habe sie aber nie überlegt, wegen der Autobahn wegzuziehen: "Wir haben es hier so fein."
Ein Bürgermeister gegen Italien
Der Bürgermeister eines Dorfes kämpft am Brenner unermüdlich gegen die Aufhebung des Nachtfahrverbots. Karl Mühlsteiger, Bürgermeister des Ortes Gries. Er hat mit anderen in den bayerischen Pfingstferien den Verkehr auf der Brenner-Autobahn lahmgelegt und sagt: "Wenn das Nachtfahrverbot "gekippt werden würde, wäre das eine große Katastrophe."
Mühlsteigers aktueller Gegner: Italien. Er zeigt uns ein Dorf, das kaum noch schlafen könnte, wenn das Nachtfahrverbot aufgehoben wird. Bis zu 71 Dezibel könne es laut werden, wenn ein Lkw vorbeifährt. Und so laut könnte es am Brenner auch nachts sein. Dann nämlich, wenn Italien vor Gericht gewinnt und das Nachtfahrverbot abgeschafft wird.
Dann folgt die Vorentscheidung am Europäischen Gerichtshof in Luxemburg. Der Generalanwalt schlägt vor, das Nachtfahrverbot als Verstoß gegen den freien Warenverkehr zu bewerten. Für Mühlsteiger ein Schock: "Das muss jetzt erst einmal sacken." Das endgültige Urteil steht noch aus.
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