In der heißen Mittagssonne steht Amelie Vorholz auf dem Rohbau eines Holzhauses in Windach im Landkreis Landsberg am Lech. Rechts neben der 19-Jährigen geht es acht Meter in die Tiefe. Links schwingt ein Holzbalken am Kran hin und her. Amelie bleibt ruhig. Gemeinsam mit ihren Kollegen richtet sie das Deckenteil aus. "Das muss in die Lücke reinpassen und eingefädelt werden", erklärt sie. Kurz darauf ist das Bauteil an seinem Platz. Schrauben, bohren, messen – für Amelie gehört das inzwischen zum Alltag.
Mehr Lust auf Handwerk statt Studieren
Vor zwei Jahren hat die junge Frau ihre Ausbildung zur Zimmerin bei der Firma Holzbau Fichtl begonnen – direkt nach dem Abitur. "Ich wollte nach dem Abitur einfach nicht sofort mit dem Studium anfangen und schon wieder nur lernen, sondern was Handwerkliches machen, mit Leuten zusammenarbeiten, draußen sein", sagt sie. Damit ist Amelie nicht allein. Das bayerische Handwerk hat in diesem Jahr bereits sieben Prozent mehr Lehrverträge abgeschlossen als im Vorjahreszeitraum. Trotzdem sind noch viele Ausbildungsplätze unbesetzt.
Zimmerleute bei der Arbeit. Links im Bild packt Amelie Vorholz an.
Viele Lehrstellen – aber nicht genug Bewerber
Alexander Tauscher von der Handwerkskammer für München und Oberbayern registriert seit vielen Jahren, dass es sehr viele unbesetzte Stellen im bayerischen Handwerk gibt. Auch wenn die Situation zuletzt etwas besser geworden ist, bleibt die Suche nach Nachwuchs schwierig. Ende Juli waren laut Statistik der Regionaldirektion für Arbeit Bayern rund 8.000 Lehrstellen in Oberbayern unbesetzt. Dem standen etwa 6.000 junge Menschen gegenüber, die einen Ausbildungsplatz suchen.
Das Problem: Freie Ausbildungsplätze und junge Menschen auf der Suche finden nicht immer zusammen. Es gebe ein deutliches Stadt-Land-Gefälle, sagt Mareike Steveling von der IHK München und Oberbayern: In München seien vergleichsweise viele Bewerber, auf dem Land dagegen mehr offene Stellen. Besonders schwierig sei die Suche nach Azubis in einigen klassischen Ausbildungsberufen. Bankkaufleute und Versicherungskaufleute seien längst nicht mehr so gefragt wie früher. Gleichzeitig wache das Interesse an Berufen rund um die Holzverarbeitung, so die IHK.
Ausbildung als Einstieg ins Berufsleben
Bei Holzbau Fichtl ist diese Entwicklung auch spürbar. Dort arbeiten viele junge Menschen. Die Stimmung ist locker, aus dem Baustellenradio läuft Musik. Einige sind über Praktika eingestiegen, andere sind über die Schule oder Ausbildungsbörsen auf den Holzbau aufmerksam geworden. Geschäftsführer Stefan Fichtl setzt deshalb gezielt auf diese Kontakte. Die Strategie scheint aufzugehen: Bei seinem Betrieb gibt es mittlerweile mehr Bewerber als Ausbildungsplätze.
Für junge Menschen geht es bei der Wahl des Ausbildungsplatzes längst nicht mehr nur um das Gehalt. Eine aktuelle Befragung der DGB-Jugend zeigt, dass mehr als jeder dritte bayerische Azubi finanziell von Eltern oder Bekannten unterstützt wird. Für Unternehmen wird es deshalb wichtiger, mehr als nur den Ausbildungsplatz anzubieten. Mareike Steveling von der IHK München und Oberbayern beobachtet, dass junge Menschen auf Unternehmenskultur, Wertschätzung und Mitgestaltung achten.
Amelie will erstmal weiterbauen
Amelie kniet inzwischen in kurzer Cordhose auf dem Rohbau und klebt gemeinsam mit ihren Kollegen eine wasserdichte Folie auf die fertige Decke. Es hat mittlerweile 30 Grad. Eine Schraube fällt zwischen die Balken. Kein Problem: Mit einer geschmeidigen Bewegung kommt sie an die Stelle heran und fischt die Schraube wieder heraus. Dass sie als Frau zierlicher ist als viele ihrer Kollegen, sieht sie nicht als Hindernis. "Frauen sind kleiner, da braucht man mal öfter die Leiter. Aber man kann ja auch nachfragen", sagt sie.
Etwa sechs Prozent der Auszubildenden im bayerischen Zimmerhandwerk sind Frauen. Im Handwerk insgesamt liegt der Frauenanteil bei knapp 20 Prozent. Nach ihrer Ausbildung will Amelie zunächst weiter auf der Baustelle arbeiten und Erfahrung sammeln – am Ende des Tages zu sehen, was sie geschafft hat, ist ihr viel wert. Ein Studium kann sie sich später trotzdem vorstellen. Gerade arbeitet sich Amelie aber erstmal weiter über das Holzhaus in Windach – zwischen Balken, Folie und Baustellenradio.
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