Dachau war eines der ersten Konzentrationslager der Nazis, es wurde zum Prototyp für das Lager-System - eine Schule der Mörder. Über 200.000 Menschen wurden in Dachau inhaftiert, rund 41.000 ermordet. Die ersten Häftlinge waren meist Gewerkschafter, Sozialisten, Kommunisten und andere Gegner des Nazi-Regimes. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurden Menschen aus ganz Europa nach Dachau verschleppt. Später wurden die Dachauer Außenlagerkomplexe Kaufering und Mühldorf zu Tatorten des Holocaust: Über 6.000 Jüdinnen und Juden wurden hier ermordet.
- Zum Erinnerungsprojekt des Bayerischen Rundfunks: Die Rückkehr der Namen
Gedenken an die toten Kameraden
Es ist einer der bewegendsten Momente der diesjährigen Befreiungsfeier: die Kranzniederlegung am Denkmal des unbekannten KZ-Häftlings - direkt neben dem einstigen Krematorium des Konzentrationslagers Dachau. In der ersten Reihe stehen drei hochbetagte Männer, leicht gebeugt, teils am Stock: Abba Naor, Jean Lafaurie und Ernst Grube - drei Überlebende der deutschen Lager. Zum Klang der Trompete gedenken sie ihrer ermordeten Kameraden.
Abba Naor, heute 98 Jahre alt, stammt aus Litauen. Er wurde als Teenager in den Dachauer Außenlagerkomplex Kaufering verschleppt, wo er Zwangsarbeit für die deutsche Bauindustrie leisten musste. Ende April 1945 trieb ihn die SS auf einen Todesmarsch Richtung Alpen. "Was passiert ist, kann man nicht vergessen", betont Naor, der aus Israel angereist ist. Mitgebracht hat er Michael Bloch, einen seiner inzwischen 20 Urenkel.
Hinter den Zahlen stehen ausgelöschte Leben und zerstörte Familien
Noch vier Jahre älter als Abba Naor ist Jean Lafaurie. Er leistete im besetzten Frankreich Widerstand gegen die Nazis, wurde verhaftet und kam nach Dachau - 18 Jahre war er alt. Heute ist er 102. In seiner Rede am Krematorium erinnert er an das schreckliche Szenario, das sich den Soldaten der US-Armee bot, als sie das Lager vor 81 Jahren befreiten: Berge von Leichen, die Überlebenden bis auf die Knochen abgemagert. "An Dachau zu denken, heißt, die Opfer zu ehren. Das bedeutet, daran zu erinnern, dass hinter den Zahlen ausgelöschte Leben, zerstörte Familien und vernichtete Schicksale stehen", betont Lafaurie. An diese Verbrechen zu erinnern, sei eine kollektive Verpflichtung.
"Die Ideologie der Nazis nimmt wieder überhand"
Auch für den heute 93-jährigen Ernst Grube, der als 12-Jähriger aus seiner Heimatstadt München ins KZ Theresienstadt verschleppt wurde, ist das Gedenken heute so wichtig wie nie. Die extreme Rechte werde mehr als 80 Jahre nach dem Ende der Nazi-Barbarei immer stärker, die Ideologie der Nazis nehme wieder überhand. Und Staat und Gesellschaft unternehmen, so Grube, viel zu wenig dagegen.
Ganz im Zeichen der Gegenwart stand auch die Rede des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland: Mit der AfD gebe es nun wieder eine rechtsextreme Partei in den Parlamenten, so Josef Schuster. Laut Umfragen sei sie aktuell sogar die stärkste Partei in Deutschland. Zugleich werde jüdisches Leben hierzulande von linken Antizionisten und Islamisten bedroht. Bei der Erinnerung an die NS-Vergangenheit gehe es immer auch um die Gegenwart, so Schuster.
Andenken bewahren, verstehen, wachsam bleiben
Wie aber kann das Gedenken an das, was in Dachau und anderen Lagern geschah, aufrechterhalten bleiben. In einer Zeit, da es kaum noch Überlebende gibt? Immer wichtiger werden die Nachkommen der ehemaligen Häftlinge - wie Andrea Halbritter. Ihr Großvater war als Kommunist in Dachau inhaftiert, der erste Mann ihrer Großmutter wurde in Dachau ermordet. Sie kommt jedes Jahr zur Gedenkfeier: "Um ihr Andenken zu bewahren! Aber auch, um zu verstehen, wie es damals dazu kam, und damit wir heute wachsam sind."
Rückkehr eines Baby-Häftlings
Extra aus Kanada angereist ist Leslie Rosenthal - auch wenn er sich an seine Befreiung in Dachau gar nicht erinnern kann. "Ich wurde hier am 29. April 1945 befreit, zusammen mit meiner Mutter, ich war zwei Monate alt", erzählt Rosenthal. "Es gab tatsächlich sieben Babys, die im Dachauer Außenlager Kaufering geboren wurden." Heute ist Leslie Rosenthal 81 Jahre alt. Zur diesjährigen Befreiungsfeier hat er seine Tochter aus Kanada mitgebracht. Denn auch ihm ist wichtig, dass die Erinnerung an Dachau weitergetragen wird. Damit niemals vergessen wird, was hier geschehen ist.
Im Video: KZ Dachau – Jahrestag der Befreiung
Vor 81 Jahren befreite die US-Armee das KZ. Mit Gottesdiensten und einer Gedenkfeier ist heute daran erinnert worden.
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