Anlässlich des Holocaust-Gedenktages am 27. Januar fand am Sonntag in Dachau bereits der erste "March of the Living" statt – der Marsch der Lebenden. Er führte die Teilnehmerinnen und Teilnehmer vom einstigen Konzentrationslager zum Dachauer Bahnhof. Die Teilnehmer wollten damit an die Grauen der NS-Diktatur erinnern und ein Zeichen gegen Judenhass setzen. Schirmherrin war die Shoa-Überlebende und Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern Charlotte Knobloch.
"March of the Living": Seit 1988 in Auschwitz
Auch der 16-jährige Samuel war beim Marsch in Dachau mit dabei. Für ihn ist das Erinnern in der KZ-Gedenkstätte ein ganz persönliches Anliegen: Als sein Großvater so alt war wie Samuel heute, wurde er von den Nazis hierher verschleppt. "An erster Stelle empfinde ich Trauer, wenn ich daran denke, was mein Opa hier durchmachen musste."
Sein Großvater überlebte die Zeit im Konzentrationslager. Heute ist es Samuel wichtig, beim "March of the Living" dabei zu sein. In Dachau fand die Aktion heuer zum ersten Mal statt. Ihre Vorbildveranstaltung gibt es andernorts aber schon lange: Seit 1988 führt ein Gedenkmarsch vom Konzentrationslager Auschwitz I ins drei Kilometer entfernte Vernichtungslager Birkenau. Dort wurden während des Nationalsozialismus etwa eine Million europäische Juden mit Giftgas ermordet.
Enkel eines Holocaust-Überlebenden initiiert Marsch in Dachau
Organisiert hat den Dachauer "March of the Living" Guy Katz. Der Münchner Hochschulprofessor ist Enkel von vier Holocaust-Überlebenden und hat die Initiative "München gegen Antisemitismus" gegründet. Sein Großvater Ariel überlebte im Winter 1944/45 den Todesmarsch von Auschwitz nach Nordhausen. "Sie sind wochenlang gelaufen – ohne Schuhe, ohne Jacke", sagt Katz.
Zahlreiche Unterstützer sind beim ersten Marsch in Dachau mit dabei, unter anderem Landrat Stefan Löwl, Schauspielerin Uschi Glas und der bayerische Antisemitismusbeauftragte Ludwig Spaenle. Beim Auftakt am Besucherzentrum dankte Charlotte Knobloch den Teilnehmern fürs Kommen. Heute haben man die Wahl, an das Geschehene zu erinnern oder zu versuchen, es zu vergessen. "Wir können für Menschenwürde und Respekt eintreten oder tatenlos zusehen, wie die Geschichte der 1930er-Jahre sich vor unseren Augen wiederholt – die Verantwortung, nicht zu vergessen, lebt mit jedem von uns weiter", mahnte Knobloch.
Über 41.000 Menschen in Dachau ermordet
Im Konzentrationslager Dachau waren zwischen 1933 und 1945 mehr als 200.000 Menschen aus ganz Europa inhaftiert, mehr als 41.500 kamen im Stamm- und in den Außenlagern ums Leben – wegen Hunger, Krankheit, Folter und Mord. Dachau diente als erstes Konzentrationslager für die Nationalsozialisten auch als Modell für alle späteren Konzentrations- und Vernichtungslager. So wurde auch Rudolf Höß, der Kommandant von Auschwitz, in Dachau von der Lager-SS ausgebildet.
Als die Amerikaner im April 1945 das Konzentrationslager in Dachau entdeckten, offenbarte sich ihnen ein Ort des Grauens: Tote Häftlinge, zurückgelassen von der SS, stapelten sich in Zügen. Im Lager trafen sie aber auch auf Überlebende, die völlig abgemagert, krank und traumatisiert waren. An dieses dunkle Kapitel der Geschichte soll der Marsch der Lebenden in Dachau erinnern, sagt der Shoah-Überlebende Abba Naor: "Wir wussten, wir sind hierher gebracht worden, nicht nur um zu arbeiten, sondern auch um zu sterben – und viele sind gestorben."
Erinnerungskultur pflegen, trotz immer weniger Zeitzeugen:
Bis zu 800 Teilnehmer kamen laut Polizei zum "March of the Living", darunter auch viele Schülerinnen und Schüler. Sie wollten ein Zeichen setzen gegen Judenhass. Die Gedenkaktion soll helfen beim Erinnern in einer Zeit, in der die Zeitzeugen immer weniger werden.
Auch der Großvater von Samuel lebt nicht mehr. Er hat seinem Enkel damals nichts von seinen Erlebnissen als KZ-Häftling erzählt: Erst vor ein paar Jahren hat er davon durch seinen Vater erfahren. "Natürlich ist es jetzt wichtig, wenn es nicht mehr so viele Zeitzeugen gibt, die Geschichten und Erfahrungen trotzdem weiterzugeben, sodass sie nicht in Vergessenheit geraten", sagt Samuel. Erinnerung ist kein Selbstzweck, sagen Redner und Teilnehmer, sondern eine Verpflichtung gegenüber den Opfern und eine Mahnung für die Gegenwart und die Zukunft.
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