Jugendoffiziere gibt es bereits seit 1958. Voraussetzung für den Schulbesuch ist eine Einladung.
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Jugendoffiziere gibt es bereits seit 1958. Voraussetzung für den Schulbesuch ist eine Einladung.
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Bundeswehr an Schulen: Welche Rolle spielt der Wehrdienst?

Bundeswehr an Schulen: Welche Rolle spielt der Wehrdienst?

Der neue freiwillige Wehrdienst treibt junge Menschen um. Auch dann, wenn sie Kontakt zur Bundeswehr haben. Etwa, wenn ein Jugendoffizier an die Schule kommt. Sein Job: Informieren statt Rekrutieren. Wie ist die Stimmung bei so einem Besuch?

Über dieses Thema berichtet: BR24 Informationen am Morgen am .

Letzte Vorbereitungen: Benjamin Dempfle steckt seinen Laptop an, prüft die Verbindung mit dem Beamer, legt seine Schirmmütze aufs Pult. Gleich wird er als besonderer Gast vor rund 70 Schülerinnen und Schülern der Städtischen Realschule Kempten stehen – im dunkelblauen Dienstanzug mit Krawatte. An der Brust: Orden und Abzeichen.

Benjamin Dempfle ist Jugendoffizier der Bundeswehr. Informieren statt Rekrutieren lautet seine Jobbeschreibung. Er soll und will zur Meinungsbildung beitragen. Kontrovers dürfe es dabei "gern" zugehen, sagt der Oberleutnant. Diskussionen seien erwünscht im Klassenzimmer. In der Öffentlichkeit sind solche Auftritte mitunter dennoch umstritten.

Mischung aus Neugier und Skepsis

Um kurz nach 11 Uhr am Vormittag strömt Dempfles Publikum herein. Schülerinnen und Schüler zwischen 15 und 17 Jahren nehmen Platz auf Plastik- und Holzstühlen. Ihre Blicke sind schwer zu deuten – wohl eine Mischung aus Neugier und Skepsis. An der Wand hängen Regeln für den Klassenchat: "Keine Beleidigungen" oder "Streit persönlich klären", ist da zu lesen. Um Regeln soll es gleich auch bei Benjamin Dempfle gehen – aber um ganz andere: Nämlich um die, auf die Deutschland in seiner Außen- und Sicherheitspolitik baut.

Im Video: Bundeswehr informiert an Schulen über Wehrdienst

Die Bundeswehr informiert an Schulen regelmäßig über den Wehrdienst.
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Die Bundeswehr informiert an Schulen regelmäßig über den Wehrdienst.

Grundlagen deutscher Sicherheitspolitik

Der Vortrag des Oberleutnants ist an diesem Tag den Grundlagen gewidmet. Benjamin Dempfle spannt den Bogen vom Grundgesetz hin zu Bedrohungen und Herausforderungen. Er spricht von Internationalem Terrorismus und Cyberangriffen, von Russlands Krieg in der Ukraine und vom deutschen Bekenntnis zu EU, Nato und UN.

Nach 45 Minuten: Halbzeit. Die Luft im Raum ist verbraucht. Die kontroverse Diskussion bleibt aus, doch wissen die Schülerinnen und Schüler auf beinahe jede Frage eine Antwort. Der 11. September 2001 ist ihnen ein Begriff, genau wie die russische Annexion der Krim 2014. Durchgeführt durch "grüne Männchen" und "völkerrechtswidrig", ordnet Dempfle ein.

Jugendoffiziere kommen auf Einladung

Eingeladen hat den Jugendoffizier Lehrerin Anna Weindl. Denn auch ihre Schülerinnen und Schüler werden in der Zukunft Post bekommen: Den Brief mit dem Link zum für Männer verpflichtend auszufüllendem Fragebogen zum neuen freiwilligen Wehrdienst. Weindl hat das im Unterricht zum Thema gemacht. Ihre Schüler sollen sich nicht erst damit auseinandersetzen müssen, wenn der Brief kommt. Die Einladung des Jugendoffiziers passte für sie gut dazu – als Ergänzung. Da komme jemand vom Fach, sagt Weindl.

Sie nimmt wahr, dass die jungen Menschen unter anderem das Thema Wehrdienst umtreibt: "Ihre größte Sorge ist tatsächlich die persönliche, dass sie notfalls den Kopf hinhalten müssen oder dass sie sich Gedanken um ihre Familie machen. Auf der anderen Seite haben wir aber auch ganz starke Stimmen, die sich dafür aussprechen, sich für unsere Grundrechte einzusetzen – für den Staat, für den Frieden", beschreibt Anna Weindl die Stimmung unter ihren Schülerinnen und Schülern. In Benjamin Dempfles Grundlagenvortrag spielt das Thema Wehrdienst aber ausgerechnet an diesem Tag nur eine Nebenrolle, auch wenn es gewissermaßen in der dünnen Luft im Klassenzimmer liegt.

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Schüler lehnen Pflichtdienst ab

Eine Momentaufnahme zeigt: In der Klasse stehen die angesprochenen Schüler freiwilligen Dienstformen – wie dem aktuellen Modell – eher offen gegenüber, während sie eine Pflicht ablehnen. Daria sagt, sie verstehe, dass Deutschland "Leute braucht, um sich zu verteidigen". Viele könnten bei der Bundeswehr sicher auch lernen, Verantwortung zu übernehmen, meint die 16-Jährige. Der Dienst an der Waffe aber solle freiwillig bleiben, findet sie. Ganz ähnlich sieht das auch der ebenfalls 16-jährige Moritz. Nach seinem Schulabschluss will er ein Freiwilliges Soziales Jahr machen und dann zur Polizei. Die Bundeswehr? Die passt nicht in seine Pläne.

So kritisch die beiden jegliche Erwägungen zu einer Wehrpflicht sehen, so offen stehen sie dem Auftritt des Jugendoffiziers gegenüber. Während insbesondere die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) derartige Besuche seit Jahren kritisiert, ist das stichprobenartige Stimmungsbild unter den Schülerinnen und Schülern positiv: "Sehr gut" sei es gewesen, sagt etwa Daria nach dem Vortrag – auch wenn sie sich anfangs "etwas überfordert" gefühlt habe angesichts der Uniform im Klassenzimmer. Moritz bewertet die Informationen Dempfles als hilfreich.

💡Schulen kooperieren mit Jugendoffizieren

Im Freistaat sind Schulen inzwischen zur Kooperation mit Jugendoffizieren aufgefordert. Das regelt das Gesetz zur Förderung der Bundeswehr in Bayern. Beschlossen wurde es im Juli 2024. Die Staatsregierung unter Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hatte es auf den Weg gebracht. Unter anderem der GEW ist das Gesetz ein Dorn im Auge. Sie hat dagegen gemeinsam mit weiteren Verbänden und Organisationen geklagt.

In Bayern steht laut Angaben der Bundeswehr für jeden Regierungsbezirk mindestens ein Jugendoffizier als Ansprechpartner zur Verfügung. Aktuell sind demnach zehn von zwölf entsprechenden Dienstposten besetzt. 2025 haben die Jugendoffiziere rund 1.100 Veranstaltungen mit mehr als 37.000 Teilnehmern durchgeführt – die meisten davon waren Schüler. Verglichen mit 2024 blieben die Zahlen nahezu gleich. 2023 waren es rund 930 Veranstaltungen. Gefragt sind derzeit insbesondere Vorträge zu Deutschlands Rolle in der NATO.

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