Hoch über Oberstdorf, an den Skisprungschanzen am Schattenberg, trainieren Mara, Pia und Greta für die Nordische Kombination. Sie sind 14 und 15 Jahren alt und ihr gemeinsamer Traum sind die Olympischen Spiele. Allerdings dürfen Frauen in der Kombination aus Skisprung und Langlauf aktuell nicht bei Olympia starten. Und so wie es aussieht, ist es auch gar nicht mehr sicher, ob Frauen ab 2030 zur Nordischen Kombination zugelassen werden, was Mara Häfner ziemlich sauer macht: "Ich finde das richtig, richtig ärgerlich, weil wir haben es genauso verdient, wie die Männer dabei zu sein. Und die Männer sollen ja auch ausscheiden, wenn die Frauen das nächste Mal nicht dabei sind."
Olympia-KO für die NoKo droht
Das befürchtet auch Stefan Schwarzbach, Geschäftsführer im Deutschen Skiverband (DSV): "Ohne Parität gerät das gesamte System, gerät die ganze Disziplin unter Druck. Ein Sport, der bloß auf einem Bein steht, verliert irgendwann das Gleichgewicht. Und das ist bei der Nordischen Kombination definitiv der Fall."
Für 2030 fordert der IOC die Gleichstellung der Geschlechter. Bei weniger nachgefragten Sportarten könnte sich der Verband deswegen dazu entschließen, die gesamte Sportart zu streichen, anstatt auch Wettbewerbe für Frauen einzuführen. "Das IOC schaut genau, wie hoch das Zuschauerinteresse sowohl live an den Strecken als auch im linearen Fernsehen und online ist", sagte DSV-Sportdirektor Horst Hüttel im DOSB-Gespräch.
Kombinierer als Botschafter fürs Allgäu
In Oberstdorf, wo besonders viele Kombinierer zuhause sind, sieht man die Entwicklung mit Sorge. Die Wintersportler seien schließlich sympathische Botschafter, sagt Hans-Peter Jokschat: "Man verbindet mit positiven Sportlern wie Johannes oder Coletta Rydzek Oberstdorf, und das stärkt die Marke des Ortes. Der Tourismus profitiert davon, weil viele Gäste genau diese Authentizität suchen."
Finanzierung der Sportstätten in Gefahr
Jokschat, der seit 26 Jahren für die Oberstdorfer Sportstätten verantwortlich ist, sieht im drohenden Aus der Nordischen Kombination vor allem Auswirkungen auf die Auslastung und damit die Finanzierung seiner Sportanlagen: "Unser Nordic-Zentrum und die Skisprunganlagen werden gefördert als Trainingsstützpunkt. Sie sind der wichtigste Trainingsstützpunkt für den DSV in Deutschland."
Sollte die nordische Kombination wegfallen, dann werde die Sportart irgendwann aussterben, so Jokschats Befürchtung. Und dann sei auch die Argumentation schwieriger, hohe Fördermittel zu bekommen. Bis zu 50 Prozent betrage der Zuschuss für Erhalt und Betrieb seiner Sportstätten. Allein könne die Gemeinde dieses Angebot nicht aufrechterhalten.
Im Video: BR24 vor Ort: Talente der Nordischen Kombination ohne olympische Zukunft?
Oberstdorfer Bewerbung um Ski-WM 2031
Nicht infrage steht hingegen die Bewerbung um die Nordischen Skiweltmeisterschaften 2031, so Florian Stern, Geschäftsführer der Oberstdorfer Veranstaltungs-GmbH: "So eine Großveranstaltung ist für den Erhalt der Infrastruktur, aber auch für den Ausbau essenziell." Es ergebe daher Sinn, "alle zehn bis 15 Jahre ein Großereignis nach Oberstdorf zu holen". Erst 2021 wurden die Schanzen und das Nordic Zentrum der Langläufer für die Weltmeisterschaft fit gemacht, Kostenpunkt rund 40 Millionen Euro. Davon profitierten bis heute Touristen genauso wie Leistungssportler und der Nachwuchs.
Nachwuchs mit ungewisser Perspektive
Sollte die Nordische Kombination - eine der ältesten Disziplinen im Wintersport und seit 1924 olympisch - aber doch gestrichen werden, dann stehe der Wintersport vor einer Zäsur, so DSV-Geschäftsführer Stefan Schwarzbach: "Wir hätten vermutlich in der Vereinsarbeit in den Regionen einen Aderlass und dann eben nicht nur in dieser speziellen Disziplin, sondern auch im Skisprung und der Langlaufszene." Dann stelle die Frage, ob sich die teuren Anlagen überhaupt noch lohnten. "Das hätte sowohl für die Regionen als auch für die Länder und insbesondere dann für den Weltsport massive Einschnitte zur Folge", prophezeit Schwarzbach.
Der Nachwuchs steht damit vor einer ungewissen Zukunft. Kombiniererin Mara Häfner will trotzdem weitermachen: "Mein Ziel ist es mit, der Nordischen Kombination zu Olympia zu kommen. Für mich gibt es derzeit keine andere Möglichkeit, weil ich einfach keine Spezialspringerin werden möchte."
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