Wann hat die Testphase für die elektronische Patientenakte (ePA) begonnen? Schon allein zu dieser Frage liefern Theorie und Praxis zwei unterschiedliche Antworten. Offiziell gestartet ist der Testbetrieb in den bundesweit drei Pilotregionen – Franken, Hamburg und Teile von Nordrhein-Westfalen – am 15. Januar. "Aber es gab ein Problem mit dem Aktensystem, da konnte man für drei Wochen überhaupt nirgends zugreifen", erklärt Marc Metzmacher. "Und wenn ich keinen Patienten habe, auf den ich zugreifen kann, ist es natürlich kein Test." Laut dem Facharzt für Allgemeinmedizin aus Gunzenhausen habe der Testbetrieb realistischerweise demnach erst Mitte Februar angefangen.
Die Praxis von Metzmacher im mittelfränkischen Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen ist eine von 60 sogenannten Leistungserbringern in Franken, die an der ePA-Testphase teilnehmen. Der verspäte Start ist einer von mehreren Punkten, die verdeutlichen, dass es bei der Umsetzung des neuen Systems noch hakt.
Elektronische Patientenakte: "Offensichtlich nicht ausgereift"
"Die Aufwände, die wir in den Praxen haben – von technischen bis zu logistischen – die sind so groß. Das wird einfach nirgends gesehen", sagt Metzmacher im BR24-Gespräch über das "offensichtlich nicht ausgereifte System". Die technische Zuverlässigkeit des Systems unterscheidet sich von Praxis zu Praxis, denn laut dem 56-Jährigen habe jede von ihnen unterschiedliche Schnittstellen zu lösen.
Bei Problemen geht es "über unterschiedliche Hotlines, wo immer die, die man gerade anruft, nicht zuständig ist". Zusätzlich seien diese Hotlines auch alle kostenpflichtig. Das heißt: Metzmacher und seine Arztkollegen zahlen Geld für ein System, das nicht funktioniere. "Dafür sind wir verpflichtet. Die Hersteller verdienen sich damit eine goldene Nase."
Ein weiterer Kritikpunkt: Die ePA sei zum aktuellen Zeitpunkt "nicht zuverlässig". Metzmacher schätzt, dass im Moment etwa zehn Prozent der Zugriffe, die funktionieren sollten, nicht funktionieren.
Hausarzt aus einer Pilotregion plädiert für längere Testphase
Neben technischen Hürden gab es bereits in den vergangenen Wochen immer wieder Kritik an der Dauer der ePA-Testphase, deren Ende derzeit für April geplant ist. Kassenärzte fordern eine Verschiebung des Starts der ePa und auch Metzmacher schlägt vor, die Testversionen noch bis Ende des Jahres auf allen einzelnen Praxisverwaltungssystemen zu testen.
Wenn dann klar sei, dass es überall funktioniert, könne man die ePA ausweiten. "Und dann muss es auch eher langsam sein. Weil wenn plötzlich die Telematik von 240 Leistungserbringern auf 100.000 geht, dann ist die Gefahr groß, dass etwas passiert", befürchtet Metzmacher.
"Das, was uns versprochen worden ist, stimmt nicht"
Grundsätzlich hält der Notfallmediziner die elektronische Patientenakte für eine gute Idee. Aber: "Die Problematik ist, dass man sehr viele Ziele, die man erreichen wollte, zurückgesteckt hat." Es sei jetzt eigentlich ein viel weniger ambitioniertes Produkt auf dem Markt – den Patienten würde aber immer noch verkauft werden, wie toll das sei, erklärt Metzmacher.
Als Beispiel nennt er die Notfallbehandlung: Da nutze man gar keine elektronische Patientenakte. Notärzte vor Ort hätten mangels technischer Voraussetzungen keinen Zugriff auf die ePA. "Das, was uns versprochen worden ist, dass man sagt: 'Okay, im Notfall hat man gleich die Unterlagen vor Ort' – das stimmt also so überhaupt nicht", sagt Metzmacher.
ePA bei Patienten "kein relevantes Thema"
Und welche Rolle spielt die elektronische Patientenakte bei den Patienten selbst? In der gesamten Testphase sei Metzmacher nur ein einziges Mal darauf angesprochen worden. "Und das mit überzogenen Wünschen und Hoffnungen. Aber ansonsten ist die ePA bei uns kein relevantes Thema." Das fehlende Interesse der Patienten führt der Hausarzt darauf zurück, dass die ePA niemandem erklärt werde. Und: "Weil die ePA ins Volk gebracht wird, dass sie wunderbar toll wäre und alles lösen könnte. Aber das geht ja offensichtlich gar nicht."
Im Audio (aus dem Archiv): Tests der neuen Patientenakte - Kassenärztliche Vereinigungen schlagen Alarm
Die elektronische Patientenakte soll Arztpraxen entlasten, doch es gibt Schwierigkeiten bei der Umsetzung.
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