Der Münchner Robby Reiber erhielt 2024 einen Anruf, der sein Leben veränderte. Die Polizei teilte dem ehemaligen Vorsitzenden des jüdischen Sportvereins Makkabi München mit, dass er unter Personenschutz gestellt werde. Ermittler befürchteten einen Anschlag auf ihn. Monatelang wurde er von bewaffneten Personenschützern begleitet. "Ich habe nichts gemacht, außer dass ich Jude bin", sagt Reiber im BR-Interview. Von Bedrohungen zu antisemitischen Anfeindungen: Der Fall steht exemplarisch für die Erfahrungen vieler Jüdinnen und Juden in Deutschland seit dem Hamas-Überfall auf Israel am 7. Oktober 2023.
Hohe Gefährdungslage
Damals töteten Terroristen der Hamas und anderer bewaffneter Gruppen rund 1.200 Menschen und verschleppten 251 Geiseln in den Gazastreifen. Schon vor dem Angriff standen Synagogen, jüdische Schulen und Kindergärten in Bayern wie auch deutschlandweit unter Polizeischutz. Die Sicherheitsbehörden mussten ihre Maßnahmen seit dem 7. Oktober 2023 allerdings ausweiten. Sie beobachten Bedrohungen von Rechts- und Linksextremisten genauso wie von Islamisten. Der Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (RIAS) registrierte 2025 8.725 Fälle in Deutschland.
Das bayerische Innenministerium spricht auf BR-Anfrage von einer "anhaltend hohen abstrakten Gefährdung". Schutzmaßnahmen würden engmaschig überprüft und bei Bedarf kurzfristig verstärkt. "Wir erleben derzeit die schlimmste Welle von Antisemitismus nach Ende des Zweiten Weltkriegs", sagt Bayerns neuer Justizminister Josef Schmid (CSU). Es komme immer wieder zu körperlicher Gewalt gegen Menschen jüdischen Glaubens. Es sei eine Schande, dass sie in Deutschland wieder Angst haben müssten.
Mittelbare Bedrohung aus dem Iran
Im Fall Reiber führt die Spur über den Iran nach Frankreich und von dort nach Deutschland. Nach BR-Informationen soll Abdelkarim S., gegen den französische Behörden ermitteln, jüdische Einrichtungen und Privatpersonen in München und Berlin ausgespäht haben. Deutsche Sicherheitsbehörden vermuten Verbindungen zu einem Netzwerk mit Iran-Bezug. Wie AFP und das französische Online-Medium Mediapart berichten, soll Abdelkarim S. an Anschlagsplanungen gegen jüdische und israelische Ziele in Frankreich und Deutschland beteiligt gewesen sein. Er sitzt in U-Haft und weist die Vorwürfe zurück. Bis zu einer möglichen Verurteilung gilt die Unschuldsvermutung.
Wegwerfagenten im Dienst von Antisemiten und Terrororganisationen
Für den Islamwissenschaftler Guido Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik entspricht dies einem länger bekannten Muster. Die Rekrutierung von Kriminellen verringere die Risiken für die Auftraggeber und erschwere es zugleich, direkte Verbindungen nachzuweisen. Steinberg erläutert, Iran wolle auf israelische Angriffe gegen iranische und mit Iran verbundene Akteure reagieren.
Weil hochrangige israelische Ziele oft nur schwer erreichbar seien, würden jüdische Einrichtungen und Persönlichkeiten weltweit verstärkt in den Fokus geraten. Auch in Deutschland gibt es dafür Hinweise.
Nach dem Sprengstoffanschlag auf das israelische Restaurant "Eclipse" in München prüften Ermittler mögliche Zusammenhänge mit einer europaweiten Serie proiranischer Aktivitäten. Nach Angaben des Generalbundesanwalts soll es zudem Anschlagsplanungen gegen den Vorsitzenden der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Volker Beck, und weitere Ziele in Berlin gegeben haben.
Europäische Rabbinerkonferenz - Vorsicht wird zum Alltag
Auch für Gady Gronich, Geschäftsführer der Europäischen Rabbinerkonferenz (CER) mit Sitz in München, bestimmt die Vorsicht seit dem 7. Oktober 2023 das Leben. Er kontrolliert inzwischen sein Auto, bevor er einsteigt, obgleich es in Bayern im Vergleich zu anderen Orten in Deutschland oder Europa noch vergleichsweise sicher sei, wie er sagt. Die Sicherheitsbudgets der Rabbinerkonferenz seien in die Höhe geschnellt.
Doch das ändere nichts an der beängstigenden Lage für Jüdinnen und Juden - und man könne schlecht für jeden Personenschutz bereitstellen. Schuld daran seien auch die sozialen Medien mit all dem Hass, den sie gegen Jüdinnen und Juden auskippten, "sie spielen eine gigantische Rolle", so Gronich.
Auch Robby Reiber weiß von den antisemitischen Hassnachrichten, die viele in der jüdischen Gemeinde übers Handy erreichen. Er klickt sie weg. Mittlerweile lebt er in Israel und in Bayern. Personenschützer hat er keine mehr. Er fühle sich "total zerrissen": "Weil wenn ich dort bin, fehlt mir die Butterbreze. Und wenn ich hier bin, habe ich so eine Art Bedrohung im Bauch." Seine jüdische Identität will er dennoch weiter offen leben, wenn das nicht mehr ginge, dann sei er weg.
Die ganze Recherche hören Sie im Funkstreifzug am 7. Oktober 2026 um 12:15 Uhr im Radioprogramm von BR24 oder als Podcast in ARD Sounds.
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