Während der Corona-Pandemie hat App-Entwickler Frederik Riedel festgestellt, dass er mehr Zeit auf Instagram und anderen sozialen Plattformen verbrachte, als ihm guttat. Er hatte das Gefühl, die Kontrolle über seine Nutzung zu verlieren, erzählt der heute 30-Jährige. Doch als Programmierer weiß er: Apps wie Instagram oder TikTok sind so designed, uns möglichst lange auf den Plattformen zu halten.
Das brachte ihn auf eine App-Idee: "One Sec" – eine App, die erst einmal nur ihm helfen sollte, seinen Social-Media-Konsum besser zu steuern. Heute nutzen die App rund zwei Millionen Menschen. Frederik hat sich selbst seine Lösung programmiert, doch was, wenn die Kontrolle über die eigene Social-Media-Nutzung aus dem Ruder gerät?
Jeder Vierte unter 45 mit Sucht-Anzeichen
Eine Studie der DAK Gesundheit aus dem Jahr 2024 zeigt: Unter Jugendlichen zwischen 10 und 17 Jahren weist etwa jeder Vierte Anzeichen einer Social-Media-Sucht auf (externer Link). "Die Sucht hört mit dem 18. Lebensjahr nicht auf", betont Prof. René Arnold von der Hochschule Macromedia (externer Link). Gemeinsam mit YouGov befragte die Hochschule Erwachsene nach ihrem Social-Media-Nutzungsverhalten. Ergebnis: In der Generation Z und bei den Millennials – also allen unter 45 Jahren – zeigt ebenfalls ein Viertel typische Suchtmerkmale. In der Generation X sind es mit 12 Prozent etwas weniger. Bei den über 60-Jährigen – den Baby Boomern – noch 5 Prozent. Aber woran erkennt man eine Sucht?
Hohe Bildschirmzeit noch keine Sucht
Eine hohe Bildschirmzeit allein bedeutet noch keine Sucht, betont Professor Arnold. Entscheidend seien negative Folgen im Alltag. Die würden dann meist Angehörige von Süchtigen bemerken, erklärt Professor Bert te Wildt, Chefarzt in der Psychosomatischen Klinik Kloster Dießen am Ammersee. Hier werden auch Menschen mit besonders stark ausgeprägten Mediensüchten behandelt. Doch bevor jemand eine stationäre Behandlung brauche, sei bereits viel passiert, so te Wildt. Man kann bereits auf Warnsignale achten:
- den starken inneren Drang, ständig online sein zu müssen
- Unruhe, wenn man nicht online sein kann
- Nutzung von Social Media, um vor negativen Gefühlen zu fliehen
- Vorsätze, Apps weniger zu nutzen, scheitern immer wieder
Doch wie bekommt man dann die Kontrolle zurück?
Eine App, die einen zum Durchatmen zwingt
Als Frederik Riedel seine App entwickelt hat, haben ihm üblichen Zeitlimits auf dem Smartphone nicht gereicht – sie waren zu leicht zu umgehen. Seine Motivation für die App "One Sec": Wenn man die App installiert hat und zum Beispiel Instagram öffnet, erscheint auf dem Display der Satz "Einmal tief durchatmen ...". Erst nach ein paar Sekunden bekommt man die Wahl "Ich möchte Instagram nicht öffnen" oder "Weiter zu Instagram" zu drücken.
Viele schließen die App dann wieder. Laut einer Studie der Universität Heidelberg und des Max-Planck-Instituts sinkt die Social-Media-Nutzung damit im Schnitt um 57 Prozent. Doch Sperren oder Zeitlimits sind nicht die einzige Möglichkeit, die Handyzeit zu reduzieren.
Handy-freie Orte, analoge Zeiten
Wer weniger am Handy sein will, kann selbst viel tun:
- Push-Mitteilungen abschalten – und nur bei wirklich wichtigen Apps zulassen
- Handy-freie Orte definieren, etwa im Bett, am Esstisch oder auf der Toilette
- wieder bewusst analoge Zeiten einplanen: Sport, Musik und Lesen
Reicht das nicht und steigt der Leidensdruck, helfen Suchtberatungsstellen – zunächst ambulant. Bei stark ausgeprägten Fällen ist eine stationäre Behandlung möglich, wie in der Klinik Kloster Dießen.
Stationäre Behandlung als letzter Schritt
Dort erlebt Chefarzt te Wildt Menschen, deren digitaler Konsum das Leben dominiert: sieben, acht Stunden oder mehr pro Tag. Wer stationär behandelt wird, hätte meist sehr viel verloren, so te Wildt. Patienten hätten "kaum freundschaftliche Kontakte, häufig keine Beziehungen, keinen Job oder keinen Studienplatz mehr", erzählt der Experte für Mediensüchte.
Dann helfe nur der Entzug: Alle digitalen Geräte abgeben, ein einfaches Tastenhandy zum Telefonieren und für SMS. Wer so viel Zeit am Handy verbracht hat, muss sich sein analoges Leben zurückerarbeiten – etwa mit Kunst- oder Sporttherapie. Doch was tun mit der freien Zeit? Auch das ist Teil der Therapie in Dießen.
Trommeln statt Scrollen
Frederik Riedel verwendet seine App seit mehreren Jahren. Er hat dadurch Zeit zurückgewonnen. Die nutzt er für ein analoges Hobby: Einmal pro Woche besucht er einen afrikanischen Trommelkurs. Nach knapp zwei Stunden ist Frederik erschöpft, aber zufrieden. Vermisst hat er das Handy nicht: "Da denke ich gar nicht dran, wenn ich trommle", sagt er.
Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.
"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!
