Nur wenige Meter von der tschechischen Grenze entfernt bei Haidmühle steht sie in der Herbstsonne: eine bunt bemalte Trafostation, die im Ernstfall ganze Dörfer vor dem Stromausfall schützen soll. Die neue "Übergabeschutzstation" soll künftig das regionale Netz unterstützen, wenn es zu Stromausfällen kommt.
Bei Stromausfall kommt Energie aus dem Nachbarland
Insgesamt sechs solcher Station entstehen derzeit in einer Zusammenarbeit von der Bayernwerk Netz GmbH und dem tschechischen Pendant EG.D – drei auf deutscher und drei auf tschechischer Seite. Sie fungieren als regionale Sicherheitsmodule im Stromnetz und sorgen dafür, dass bei Störungen im Bayerischen Wald Strom direkt und schnell aus dem Nachbarland Tschechien eingespeist werden kann – oder andersherum. Die Verbindungen zwischen ihnen werden als Erdkabel verlegt. Mit den Stationen können jeweils rund 500 Haushalte versorgt werden. Neben der Station in Haidmühle entstehen weitere Anlagen in Philippsreut und Mauth sowie auf der tschechischen Seite.
Die Leitungen sind als reine Bereitschaftsleitungen geplant: Sie sollen nur in Notsituationen wie großflächigen Stromausfällen oder witterungsbedingten Störungen zum Einsatz kommen. Für den normalen Alltagsbetrieb sind sie nicht vorgesehen, zumal laut Bayernwerk die aktuelle Gesetzeslage in Tschechien die Nutzung dieser Option ausschließlich bei Extremereignissen erlaubt.
Stromnetz soll widerstandsfähiger werden
Es ist das erste Projekt seiner Art in ganz Deutschland, sagt Peter Ketterl, der die Region Ostbayern beim Bayernwerk leitet. "Das Stromnetz kann man sich wie ein Spinnennetz vorstellen. Mit dem Projekt verweben wir es deutlich stärker und machen es resilienter", sagt er. Das sei ein Leuchtturmprojekt in Zeiten, in denen Energieexperten damit rechnen, dass die Zahl der Angriffe auf das Stromnetz weiter zunehmen wird.
Eine vergleichbare Verbindung existiert bereits zwischen Tschechien und der Slowakei. Erstmals werden nun Deutschland und Tschechien auf Mittelspannungsebene miteinander verbunden. Daneben gibt es das europäische Verbundnetz: Das 380-Kilovolt-Netz bildet als Höchstspannungsebene das Rückgrat der europäischen Stromversorgung.
Vom Eisernen Vorhang zu grenzüberschreitender Zusammenarbeit
Sebastian Gruber, CSU-Landrat des Landkreises Freyung-Grafenau, betont die historische Dimension des Projekts – an einem Ort, an dem vor 37 Jahren noch der Eiserne Vorhang verlief. "Ich finde es bemerkenswert, dass es einige Jahrzehnte später ein herausragendes Projekt für die Energieversorgung gibt, bei dem grenzüberschreitend zusammengearbeitet wird", sagt er bei der feierlichen Einweihung am Montag. Es sei wichtig, die Widerstandsfähigkeit der Netze zu stärken.
Auch die Gestaltung weist in die Zukunft
Gestaltet wurde die erste Übergabeschutzstation vom Potsdamer Street Artist "Art Efx". Zu sehen sind der Dreisessel-Berg, die Dreisessel-Hütte sowie der Bayerische Wald mit Windrädern und Photovoltaik-Anlagen in der Landschaft – eine Zukunftsvision, die Haidmühles Bürgermeister Roland Schraml gefällt.
"Ich hätte gerne Windradl", sagt Schraml, auch wenn dies in Haidmühle aufgrund einer seismologischen Messstation im Umkreis von 15 Kilometern derzeit nicht möglich ist. Schraml freut sich dennoch, dass Haidmühle bei den Übergabeschutzstationen beispielhaft für eine zukunftsweisende Zusammenarbeit zwischen Bayern und Tschechien steht.
Sicher vor Hackerangriffen
Wenn also wirklich einmal der Strom ausfällt, würde das Bayernwerk mit den tschechischen Kollegen Kontakt aufnehmen. Über Fernsteuerung könnte man die Leitungen aktivieren: "Entweder über die Antennen oder über unser eigenes Glasfasernetz, das wir als Energieversorger redundant vom öffentlichen Netz haben, damit wir vor Hackerangriffen sicher sind", sagt Peter Ketterl.
EU-Fördermittel fließen
Gefördert wird das Projekt "Gabreta Smart Grids", das neben den Schutzstationen weitere Ausbau- und Digitalisierungsmaßnahmen beinhaltet, mit über 100 Millionen Euro aus Mitteln der Europäischen Union. Die drei Übergabeschutzstationen auf deutscher Seite inklusive Verbindungen werden mit etwa einer Million Euro zu 50 Prozent gefördert. Der Name Gabreta ist der antike Name für das bayerisch-böhmische Waldgebirge.
Die Stationen sowie Verbindungsleitungen sollen bis Ende 2028 fertiggestellt und in Betrieb genommen werden. Der Plan ist allerdings, dass es gar nicht erst zu großflächigen Stromausfällen kommt – dann würden die Stationen im besten Fall nie zum Einsatz kommen.
Redaktioneller Hinweis: Die Kosten des Gesamtprojekts wurden nachträglich ergänzt.
Standorte der sechs Übergabeschutzstationen, die entlang der deutsch-tschechischen Grenze im Bayerischen Wald gebaut werden.
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