"Die Frauen, die hier heute streiken, dürfen gerne auch einfach mal nichts tun." So erklärt Organisatorin Marie Burneleit, warum der Frauenstreik auf dem Münchner Marienplatz den Titel "lazy demo", also "fauler Protest" trägt. Decken, Sitzkissen und Campingstuhl einpacken, heißt es in der Einladung zum Frauengeneralstreik – und einfach mal ganz entspannt auf dem Münchner Marienplatz picknicken.
Mit Sekt, Decken und Bannern für Gleichberechtigung einstehen
Der Einladung der Initiative "Enough!" (zu Deutsch "Genug!") folgen laut Polizeiangaben rund 200 Personen. Viele kommen tatsächlich mit Decken, Sekt oder Tee und Bannern mit Sprüchen wie "Wer hat Angst vor starken Frauen" oder "Lieber gleich berechtigt als später". Statt einer langen Rednerliste gibt es alte Redebeiträge aus den "letzten hundert Jahren Frauenbewegung" vom Band, erklärt Burneleit von "Enough!". Denn: "Alles Wichtige wurde schon längst gesagt".
Gender Pay Gap & Co.: "Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll"
Es geht den Streikenden also nicht um neue Forderungen – sondern nur darum, das die allseits bekannten Probleme endlich angegangen werden. Und da sehen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Streiks nach wie vor viel Luft nach oben: "Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll", sagt Helena, die mit Sekt und ihren Bürokolleginnen auf den Marienplatz gekommen ist. "Von Gewalt gegen Frauen über ungleich verteilte Care-Arbeit bis hin zum Gender Pay Gap gibt es ganz viele Themen, auf die man aufmerksam machen muss". Das erkennen auch schon die ganz Jungen: "Ich gehe noch zur Schule und auch da leisten wir Frauen eine Art Care Arbeit", findet die 19-Jährige Luca. "Man kennt ja zum Beispiel, dass lautere Jungs neben Mädchen gesetzt werden, um diese Jungs zu regulieren".
Vereinzelt mischt sich auch ein Mann unter die überwiegend weiblichen Teilnehmerinnen. "Ich finde gut, was hier passiert", sagt einer, "dass die Frauen endlich einstehen für ihre Rechte". Man habe diesbezüglich auch zu lange weggeschaut, findet er.
Frauen in der Kommunalpolitik eklatant unterrepräsentiert
Ein eklatantes Beispiel für die Unterrepräsentation von Frauen: die Politik. Laut dem bayerischen Landesamt für Statistik waren bis zur jüngsten Kommunalwahl in Bayern am vergangenen Sonntag nur zehn Prozent aller bayerischen (Ober-) Bürgermeisterämter weiblich besetzt. Ähnlich ungleich sieht es bei Landrätinnen und Landräten aus. "Wir machen 51 Prozent der Bevölkerung aus", sagt Streikteilnehmerin Marie Holzer auf dem Marienplatz. Ihr sei es wichtig, dass die Politik Fraueninteressen dementsprechend auch vertrete. Aber: "In einer Männerpolitik, in reinen Männergruppen, an reinen Männertischen werden Frauenbedarfe einfach nicht mitgedacht", findet sie.
Frauenstreik in Nürnberg: Frauen legen Arbeit symbolisch nieder
Auch in anderen Städten finden einen Tag nach dem Internationalen Frauentag Streiks statt: In Nürnberg rief die Bewegung "Töchterkollektiv" zum symbolischen Niederlegen bezahlter und unbezahlter Arbeit auf. Dem Aufruf folgen rund 350 bis 400 Personen. "Wir demonstrieren für die Sichtbarmachung der Arbeit, die Frauen und Flinta*-Personen leisten für diese Gesellschaft", sagt Versammlungsleiterin Carmen Müller. Oftmals sei diese Arbeit unbezahlt, unsichtbar und selbstverständlich. Deswegen habe man das Motto gewählt: "Ohne uns steht alles still". Denn: Die Gesellschaft stünde auf den Schultern der Frauen.
Vorbild Island: Der erste Frauenstreik fand vor über 50 Jahren statt
Historisches Vorbild für die Aktion ist der isländische Frauenstreik von 1975, bei dem rund 20.000 Frauen ihre Arbeit niederlegten und für Gleichberechtigung protestierten. "Der Streikmoment besteht darin, nicht zur Verfügung zu stehen – weder für Erwerbsarbeit noch für Sorgearbeit oder gesellschaftliche Erwartungen", erklärt die Initiative in einer Pressemitteilung. In München geben aber viele Teilnehmerinnen an, in ihrer freien Zeit gekommen zu sein und keine bezahlte Erwerbstätigkeit für den Streik niedergelegt zu haben. Zumindest aber die Arbeit im Privaten ruht in diesen vier Stunden, an denen die Frauen auf dem Marienplatz sitzen. Ohnehin geht es Schülerin Luca hier eher um ein Signal: "Wir Frauen sind die Stützen der Gesellschaft und ohne uns funktioniert die Welt einfach nicht."
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