Ein milder Herbsttag in Berlin. Milchiges Licht fällt in das Bundestagsbüro von Luke Hoß. Gummibaum, Stehleuchte, die Wände weitgehend kahl: Der Linken-Politiker hatte in seinen ersten Monaten in Berlin offenbar anderes zu tun, als sich um Inneneinrichtung zu kümmern. In den Bundestag schaffte er es bei der Neuwahl im Februar. Mit damals 23 Jahren.
Als er im Sommer die Interviewanfrage bekommt, bespricht sich Hoß zunächst mit seiner Familie. Dann erst sagt er zu. "Mir ist es auf jeden Fall wichtig, darüber zu sprechen." Vor allem darüber, wie seine alleinerziehende Mutter kämpfen musste, um die Familie zu ernähren.
Wenn eine Stromrechnung zum Problem wird
Die Mutter hat damals gearbeitet, musste aber eine Zeit lang mit Hartz IV aufstocken. Hoß erinnert sich noch gut daran, wie herausfordernd der Alltag für die Familie war: "Eine Stromrechnung, die höher war als erwartet, war ein Problem." Zum Monatsende hin sei es vorgekommen, dass sie an sich selbst sparen musste, so Hoß. Sogar beim Essen habe sie sich dann eingeschränkt, "damit mein Bruder und ich noch gut versorgt waren".
Aus seiner Familiengeschichte leitet er einen politischen Auftrag ab. Ein Beispiel: Er bietet Sozialsprechstunden in seinem Passauer Wahlkreis an. Und im Bundestag hat er eine rechtspolitische Initiative gestartet. Mit dem Ziel, Schwarzfahren zu entkriminalisieren. Aus Sicht von Kritikern ist es unverhältnismäßig, das Fahren ohne Ticket als Straftat zu ahnden – und nicht als Ordnungswidrigkeit wie vergleichbare Rechtsverstöße.
Kritik an mangelnder Perspektivenvielfalt im Parlament
Hoß will in Berlin die Perspektive von sozial Benachteiligten einbringen. Eine Perspektive, die er im Parlament oft vermisst. So empfindet es auch die zweite Abgeordnete, die sich zum Interview bereiterklärt hat. Sie will unerkannt bleiben – aus Rücksicht auf ein Familienmitglied, das Bedenken hatte.
Abgeordnete mit Armutserfahrung sprechen kaum darüber, wie sie sagt. Auch untereinander nicht, was sie bedauert. "Wir sollen ja die Bevölkerung repräsentieren." Und solche "Negativerfahrungen" gehörten eben dazu – vor allem, wenn sie einen politischen Hintergrund hätten. "Armut ist ja kein medizinischer Schicksalsschlag." Sondern ein politisches Problem, das aus ihrer Sicht viel stärker in den Blick genommen werden müsste.
Abgeordnete: Nur wenige mit Armutserfahrung im Bundestag
Auch ihre Mutter musste die Kinder allein durchbringen. Jahrelang war die Familie auf staatliche Leistungen angewiesen. Obwohl die Mutter gearbeitet hat. Die öffentliche Sozialdebatte empfinden viele Betroffene als abwertend. Das war gerade erst im Armutsbericht der Bundesregierung nachzulesen. Die Abgeordnete erklärt den Tonfall auch damit, dass nur wenige Menschen mit Armutserfahrung im Bundestag seien.
Und doch gelingt es nach einigen Telefonaten, einen dritten Politiker für ein Gespräch zu gewinnen: Jens Teutrine von der FDP. Wir treffen uns Mitte November im Bundestag, wo Teutrine früher ein und aus ging. Er war in der vergangenen Wahlperiode Abgeordneter – bis zur Niederlage seiner Partei bei der zurückliegenden Neuwahl.
Ein Arbeiterkind bei der FDP
Aufgewachsen in einem Arbeiterhaushalt, die Mutter gelernte Frisörin – und er selbst der erste in der Familie, der studiert hat: ein ungewöhnlicher Werdegang für einen Politiker. Statistisch gesehen ist er in einer Situation aufgewachsen, die man als armutsgefährdet bezeichnen kann, wie er sagt. Den Begriff Armut möchte Teutrine nicht verwenden, weil es manch anderen deutlich schlechter gehe als ihnen damals.
Auch seine Mutter war alleinerziehend. Sie ging putzen, um das Einkommen für die Familie zu sichern. "Meiner Mutter war es immer wichtig, uns vorzuleben, dass Arbeit einen Wert hat."
Einsatz für sozialen Aufstieg von Jugendlichen
Während seiner Zeit im Bundestag hat sich Teutrine beispielsweise für bessere Hinzuverdienstmöglichkeiten von Jugendlichen eingesetzt, deren Familien staatliche Unterstützung bekommen. Aufstieg durch Leistung: die politische DNA der FDP.
Fazit: Nicht alle, die sich hocharbeiten mussten, geben die gleiche Antwort auf die soziale Frage. Was die drei Politiker aber verbindet, ist dies: ein ausgeprägtes Bewusstsein dafür, wie unterschiedlich Startchancen verteilt sind.
- Zur ARD-Audiothek: Wenn Bundestagsabgeordnete Armut selbst erlebt haben
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